Angst vor Versagen

Hey Leute,

bin mittlerweile 19 Jahre alt und mache grade mein Abitur in Deutschland.

Nur leider habe ich das Problem, dass ich seit der 11. Klasse (also seit 3 Jahren, 6 Halbjahren 11/1, 11/2, 12/1, 12/2, 13/1 und 13/2) extreme Probleme mit dem blaumachen von Schule, also seitdem man sich selber entschuldigen kann, weil man 18 ist.

Bei mir ist es so, ich habe aerztliche Attestauflage, d.h. es darf keine Entschuldigung ohne Attest vom Arzt von den Lehrern akzeptiert werden. Es ist immer das gleiche, ich gehe einmal nicht zum Unterricht, aus welchen Gründen auch immer. Da ich aber nicht krank bin, habe ich kein Attest. Um dem Stress mit den Lehrern und unangenehmen Fragen aus dem Weg zu gehen, gehe ich dann wieder nicht zur Schule...

Mein Rekord war die 12/1, 150 Fehlstunden, davon 60 unentschuldigt. Das bei 30 Stunden pro Woche!!!

Es ist nicht so, dass ich in der Zeit etwas besseres zu tun habe oder einen Grund fuer mein blaumachen, ich sitze einfach zu Hause und habe ein schlechtes Gewissen, weiss ganz genau, in was fuer einen Mist ich mich darein reite, weiss aber auch genau, dass ich am naechsten Tag wieder nicht hingehen werde!

Mit der Zeit hat sich alles verschlimmert, Attestauflage habe ich hinter mir, einen schriftlichen Verweis gab es letztes Jahr. Letzten Freitag musste ich zu den Beratungslehrern, wegen der Fehlstunden. Bei erneuten unentschuldigten Fehlstunden droht mir eine Schulkonferenz/Schulverweis!!!!

Auf die Frage, wie es in den ersten Tagen der 13/1 ausgehen hat (10 Tage), habe ich 50/50 gesagt, ich habe aber eher 90% gefehlt!

Ich will es nicht, aber es passiert einfach und ich kann mir nicht helfen!!!



Ausserdem bin ich als einziger in meinem Freundeskreis gegen Beziehungen, da ich einige schlechte Erfahrungen gemacht habe (Freundin wohnt ca. 300km weg, man lernte sich im Urlaub kennen / man war ein 3/4 Jahr in ein Maedchen ungluecklich verliebt / die naechste Freundin verlaesst einen nach 3 Monaten und die einzige, mit der es wunderbar geklappt haette, wohnt auch zu weit weg).

Ich denke auch, dass Beziehungen in unseren Tagen zu dumm sind, da sich nach dem Schulabschluss sowieso alle in ganz Deutschland verteilen und so die Beziehung zu Bruch geht. Auch wenn es banal klingt, baue ich mir immer mehr selber eine Blockade, da ich an meiner "Manneskraft" zu zweifeln beginne...

Ich will keine Beziehung mehr, also gibt es auch keinen Sex mehr. Der letzte ist schon gute 2 oder 3 Jahre her, ich glaube, wenn ich irgendwann mal wieder ein Maedchen finde, bringe ich es einfach nicht mehr (dank meiner Unreife), sie hat aber schon viele Erfahrungen gemacht. Die Angst vor Versagen laesst mich mich immer weiter in die "keine-Beziehung" - Geschichte abrutschen-.-

Hiiiiiiilfe =(

Frage gestellt zu: Liebe, Sex und Freunde

Unabhängigkeit

Hallo Daniel

Du beeindruckst mich durch deine klare und offene Sprache. Du nimmst kein Blatt vor den Mund und beschreibst ohne zu beschönigen deine aktuelle Situation. Dabei gehst du aber auch schonungslos mit dir selber um.

Du beschreibst zwei Probleme, die auf den ersten Blick miteinander wenig zu tun haben: Schuleschwänzen und Beziehungslosigkeit. Bemerkenswert dabei ist, dass du beides über nun doch schon drei Jahre mehr oder weniger konsequent durchziehst. Und du dennoch aktuell daran bist, dein Abitur zu machen. Für mich heisst das, dass du es trotz vieler Absenzen drauf hast, dir den nötigen Schulstoff anzueignen. Was wiederum bedeuten mag, dass du jemand bist, der sehr selbständig und unabhängig arbeitet und sich die wichtigen Informationen zu organisieren weiss. Das sind Kompetenzen, die im späteren Berufsleben sehr gefragt sind.

Jetzt scheint es aber, dass du Eigeninitiative und Bewegungsfreiheit der Präsenz im Klassenzimmer vorziehst. Schulverweis oder Abitur ist so die Frage. Ich kann mir vorstellen, dass sich bei dir  eine gewisse Schulmüdigkeit eingeschlichen hat. Wozu sich in diese Strukturen einfügen, wenn du es doch auch anders kannst, wirst du dir vermutlich sagen. Ich nehme an, das Abitur willst du machen. Und lange hast du nicht mehr bis dahin - und einen Schulverweis zu riskieren lohnt sich dann eigentlich auch nicht mehr. Versuch doch neben der Schule einen Ausgleich zu finden, wo du etwas ganz anderes machst als der Alltag von dir fordert. Geniesse dein Blaumachen: Plane es im voraus und nimm dir für diese Zeit auch konkret etwas vor, dass du unternehmen willst und mache es. Betrachte es wie einen Schatz, etwas wertvolles, nur für dich, dass du dir gönnst - hin und wieder mal, aber nicht ständig. Denn wie heisst es: zu viel des Guten stumpft ab und macht Bauchschmerzen.

Anders verhält sich die Sache, wenn dich in der Schule gar nichts mehr hält. Und dir das Abi egal ist. Überlege: Schulabbruch und dann? Bei einer Lehre wird man von dir ebenso Präsenzzeiten verlangen, und das auch noch bei weniger Ferien im Jahr. Was also kommt in Frage?

Es stellt sich auch die Frage: Wo und wie kannst du dein Streben nach Unabhängigkeit leben? Und das bezieht sich nicht nur auf deine alltägliche Arbeit (in der Schule), sondern auch auf die Beziehung zu Personen (Freundin). Deine bisherigen Freundinnen haben dich enttäuscht. Nach den Täuschungen bist du auf den Boden der Realität zurückgekommen und um ein paar Erfahrungen reicher geworden. Und schon zweifelst du schonungslos an deiner Beziehungsfähigkeit. Gibt dir Zeit. Eine Beziehung haben ist einem Klassenzimmer sehr ähnlich: es ist ein Miteinander mit Regeln und Strukturen. Und eine Schule besteht nicht nur aus einem Klassenzimmer. Es ist ein Pendeln - zwischen Nähe und Distanz - Anpassung und Autonomie. Sei du selbst und vertraue auf dich, dann kannst du für dich unabhängig bleiben und dich dennoch auf die Erfahrung von Nähe einlassen. Und übrigens: Beziehung und Sex können auch unabhängig voneinander vorkommen....  ;)

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