Eltern alkoholkrank

Hallo ich heiße Moira, bin 15 und hab eine Zwillingsschwester. Im Moment weiß ich gar nicht so genau, wo ich anfangen soll. Meine Eltern sind schon lange alkoholkrank ( sie trinken täglich Bier ab ein Uhr mittags, bis zu 8 Flaschen täglich) und werden immer schlimmer. Jeden Tag werden sie streitsüchtiger und unerträglicher, selten auch aggressiv. Gestern Abend ist es mal wieder (!) eskaliert. Meine Schwester hat das Bier von meiner Mum wegschütten wollen, da sich meine Eltern wieder gestritten haben und aufeinander losgegangen sind, während ich verzweifelt versucht habe, sie auseinanderzubringen. Als Mama das gesehen hat, ist sie auf meine Schwester losgegangen udn hat sie auch noch geschlagen. Ich glaub dieses Bild kommt so leicht nicht mehr aus meinem Kopf, wie meine Mama meine Schwester schlägt nur wegen einem halben Bier, das letztendlich alles auf den Boden verschüttet ist. Die Folge war, dass ich alles heulend aufwischen konnte. Danach ist meine Mum ins Bett, ihren Rausch ausschlafen, genauso wie mein Dad, der eigentlich oft nur trinkt, wenn er nach der Arbeit nachhause kommt und merkt, das seine Frau auch schon nicht mehr zurechnungsfähig ist.

Ich hab die ganze Nacht durchgeweint, ich konnte gar nicht mehr aufhören. Es ist so widerlich, wenn sie mich unter Alkohol umarmen und es fühlt sich auch total unecht an.

Generell geht es mir ja gut, ich hab alles Materielle (eigenes zimmer, klamotten,...), nur halt einfach keine Eltern die für mich da sind, mir zuhören, die mich unterstützen oder einfach mal was mit mir unternehmen. Psychisch belastet mich das alles aber so sehr, das ich eigentlich nur noch wegmöchte von ihnen. Ganz schnell weg, ich bin gestern auch nur geblieben wegen meiner Schwester, weil ich sie nicht alleine lassen wollte. Sonst wäre ich schon längst zu meinem Freund geflüchtet. Ich weiß nicht was ich noch machen soll, es macht mich so fertig, nie mit jemanden darüber reden zu können, weil ich mich so schäme. Nur mein Freund weiß davon, aber wenn ich ihn oft so über meine Eltern volltexte, hab ich auch Angst, dass er irgendwann mal sagen könnte "Bei der bleib ich nicht mehr, die hat so assi Eltern!" Auch wenn er mir anbietet, das ich gern zu ihm ziehen könnte und er immer für mich da ist, genauso wie seine Eltern.

Die Alkoholiker haben sich zwar heute unendlich entschuldigt, und versprochen, das sie versuchen, weniger zu trinken, aber ich hab die Hoffnung schon längst aufgegeben, die Entschuldigung hält eh nur bis zum nächsten Mal, dann gehts sowieso wieder von vorne los. Ich bin so fertig, ich bekomm das langsam nicht mehr aus meinem Kopf, wie schlimm meine Eltern unter Alkoholeinfluss sind. Ich hab sie ja total lieb (und sie mich auch), aber ich pack das nicht mehr, echt nicht. Das nächste Mal gehe ich, einfach irgendwohin.

Was kann ich denn nur machen, wenn jemand vom Jugendamt kommen würde, der würde im Prinzip eh nicht viel machen, nur sagen, "du hast doch alles" und wieder gehen, da meine Eltern nach außen hin oft auf heile Welt machen, und es auch mal eine zeit lang ohne Alkohol aushalten können, sie aber am nächsten Tag das doppelte trinken.

Ich weiß echt nicht mehr weiter und des tat jetzt grad echt gut, alles von der Seele zu schreiben. Danke fürs lesen, vllt könnt ihr mir ja irgendwie helfen, was ich noch machen könnte. :(

Frage gestellt zu: Liebe, Sex und Freunde

Verschwinde ruhig - ein bisschen

Liebe Moira

Gut, schön hast du hier geschrieben und es freut mich, dass allein das Schreiben dir geholfen hat. Das ist eine Strategie, die viele Menschen anwenden, zum Beispiel wenn sie Tagebuch, Briefe oder auch Gedichte schreiben. Nimm das gleich mit, schreibe in Zukunft auch, was dich alles beschäftigt, wenn du nicht mehr weiter weisst.

Du und deine Schwester, ihr habt schon alles versucht, damit eure Eltern aufhören zu trinken. Es ist wohl nicht das erste Mal, dass eine von euch den Alkohol wegschüttet, dass ihr versucht zu schlichten und das Chaos, das sie hinterlassen, aufräumt. Es hilft aber nichts, bei allen Entschuldigungen und daraus resultierenden Enttäuschungen schaffen es eure Eltern nicht, von der Sucht wegzukommen. Deshalb solltest du aufhören solche Hilfen zu leisten. Wenn sie trinken wollen, dann sollen sie auch selber die Konsequenzen tragen, ihr leidet doch schon genug. Sie sind selber für ihren Konsum verantwortlich. So wie du dir in diesen Momenten wünschst zu verschwinden, kannst du das tatsächlich ein bisschen tun. Es ist schon viel weiter weg, wenn du in diesen Momenten die Situation, also den Raum, verlässt und in dein Zimmer gehst. Kapsle dich ab und tu in dem Moment etwas, was dir gut tut. Ich versteh, dass das eine sehr schwierige Aufgabe ist, denn du fühlst dich für deine Familie verantwortlich. Doch vermutlich hast du im Laufe der Jahre Sensoren entwickelt und spürst gut, wenn es zu eskalieren droht. Verschwinde vorher, nicht erst wenn du von ihnen schon vollkommen hineingezogen wurdest. Denn sie wissen beide, dass ihr das seit und für sie schaut und zählen leider darauf.

Ich kann gut verstehen, dass du dich wegen deinen Eltern schämst, aber gleichzeitig darunter leidest, nicht darüber sprechen zu können. Dabei ist sehr hilfreich, wenn man auch mal mit jemand Aussenstehenden über diese Sorgen sprechen kann. In der Schweiz und in Deutschland gibt es an vielen Orten Selbsthilfegruppen für Jugendliche von alkoholkranken Eltern. Dort hättest du die Möglichkeit mit Menschen zu sprechen, die ähnliches erleben, aber auch mit Fachleuten, die sich mit dieser Problematik gut auskennen. Es gibt auch andere gute Beratungsstellen für Jugendliche, bei denen du dich melden könntest und wo Leute sind, die gerne mit dir die Situation besprechen. Das muss nicht gleich das Jugendamt sein.

Wichtig ist, dass du jetzt beginnst, auf deine eigenen Bedürfnisse und Wünsche zu achten und Entscheidungen für dich und dein Leben triffst und zwar ohne Rücksicht auf deine Eltern. Nur für dich. Was tut dir gut? Was lässt dich die Sorgen für einen Moment vergessen? Was bringt dich zum Lachen oder entspannt dich? Tu all das.

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