Es verletzt mich, obwohl ich es verstehe

Aber ich weiss nicht, was ich mit meinen Bedürfnissen tun soll. Ich kann ein warmes Bad nehmen oder die Katze streicheln, wenn ich eine Umarmung bräuchte. Das weiss ich. Das funktioniert ganz ein bisschen. Ich hab aus lauter Not auch angefangen eine Art Tagebuch zu schreiben, weil ich grade gar keinen habe zum Reden. Das geht auch. Besonders im Notfall, wenn ich nicht schlafen kann. Und das kann ich manchmal nicht, weil ich traurig bin oder auch mal Angst habe. Meine Mama könnte ja auch sterben. Der Gedanke daran ist echt schlimm. Und alle anderen, die ich im Moment habe auch irgendwie. Und keiner ist da, um mich zu trösten. Das macht mich echt fertig. Ich habe beschlossen, dass ich das nicht mehr ertrage, so wie es ist. Mein Herz geht kaputt dabei. Das will ich aber nicht. Und da habe ich irgendwie gemerkt, dass ich eigentlich auch gar nicht mehr die Freundin meiner beiden Freundinnen sein will. Ich bin ja nicht blöd, das ist reiner Selbstschutz, das weiss ich schon. Wenn ich sie nicht mehr liebhabe, können sie mich nicht mehr so verletzen. Weil es tut mir die ganze Zeit weh. Es verletzt mich irgendwie, dass keine der beiden für mich da ist. Obwohl ich es verstehe. Ich will nicht kaputt gehen. Und ich will nicht, dass unsere Freundschaften kaputt gehen. Ich habe mir gedacht, dass ich vielleicht besser beschliessen sollte, nicht mehr ihre Freundin zu sein. Und so abzuwarten, was geschieht. Ich werde wohl nicht aufhören können, sie zu lieben. Aber vielleicht hilft auf Distanz gehen trotzdem. Nicht nur mir, sondern vielleicht ihnen auch. Oder aber sie merken es und erkennen, wie schlimm alles für mich ist, so wie es ist. Und dann gibt es vielleicht eine Lösung.

Frage gestellt zu: Liebe, Sex und Freunde

Gib ihnen eine Chance, dich zu verstehen

Liebe Daphne

Was du beschreibst, wie du mit deinen Bedürfnissen umgehst, tönt gut. Du suchst Mittel und Wege, damit es dir besser geht. Aber du bist natürlich keine Maschine und kannst nicht einfach auf einen Knopf drücken und alles funktioniert wieder. Du musst dir etwas Zeit dabei lassen.

Es kann aber schon auch sein, dass du es alleine nicht schaffst. Manchmal werden die negativen Gedanken und Gefühle so stark, dass man Hilfe von aussen braucht, um da wieder rauszukommen. Du wärst nicht alleine damit, vielen Menschen geht es im Verlauf des Lebens mal so. Deine Mutter ist für dich da, aber das reicht offenbar auch nicht. Vielleicht brauchst du Unterstützung von einer psychologischen Fachperson. Besprich das doch mal mit deiner Mutter. Ich würde dir das wirklich empfehlen.

Ich finde, es ist okay, dass du wegen deiner Freundinnen verletzt bist. Natürlich ist deiner Freundin etwas Schreckliches passiert. Und eure gemeinsame Freundin versucht ihr zu helfen. Aber du bist trotzdem auch da, mit deinen Bedürfnissen und Gefühlen, daran ändert sich ja nichts. Und deshalb solltet ihr alle gegenseitig aufeinander aufpassen. Es tut mir leid, dass du in dieser Lage bist. Ich verstehe, dass es nicht einfach ist. Du musst dich ja nicht gleich ganz abwenden, aber ich verstehe, wenn du auf Distanz gehst. Trotzdem würde ich das Gespräch mit ihnen suchen. Du kannst ihnen auch schreiben, wenn dir das einfacher fällt. Aber gib ihnen eine Chance, dich zu verstehen.

Triff dich auch mit anderen Leuten. Lenk dich ab und versuche Schönes zu erleben. Ich hoffe, das klappt. Liebe Grüsse, Mika

© 2019  IOGT Schweiz

Alle Rechte vorbehalten