Gefühl die Realität zu verlieren

Liebes Kopfhoch-Team

Ich bin 17 Jahre alt und weiblich. In meinem Leben läuft und lief bis jetzt vieles nicht optimal. Ich wurde vergewaltigt als ich klein war. Ich habe die Erinnerung daran erst wieder seit dem letzten November. Ich weiss nicht, wann es geschehen ist und auch nicht wer es getan hat. Doch es ist so ein komisches Gefühl da, dass es mein Götti war. Ich weiss nicht, woher das kommt, aber ich hatte schon immer Angst vor ihm. Das verleitet mich dazu, dieses Gefühl ernst zu nehmen, doch ich möchte ihn nicht verdächtigen, wenn er unschuldig ist. 

Ich dissoziere oft, manchmal entfremdet sich mein Körper und manchmal das, um mich herum. Auch habe ich noch dazu drei andere Persönlichkeiten. Teilweise habe ich ein Blackout und eine, der Dreien, agiert für mich. Ich habe keine Kontrolle darüber und es ängstigt mich. 

ich habe immer öfters das Gefühl die Realität zu verlieren. Ich weiss nicht, in welchen Punkten ich mir selbst trauen kann und was Imagintation ist.

Dazu kommt noch, dass ich bald im letzten Jahr der Kanti bin und viel leisten muss. Was ich im Moment nicht kann. Ich kann einfach nicht die gleiche Leistung erbringen, wie ich sie eigentlich könnte.

Zuhause habe ich es nicht gut. Meinen Eltern kann ich mich nicht anvertrauen. Meine Mutter sagt mir immer wieder, dass ich fett bin. (Ich bin normalgewichtig, vielleicht ein bisschen an der oberen Grenze) Meine Eltern sind getrennt. Meine Mutter hat viel Stress und ist am Ende ihrer Kräfte. Ich habe das Gefühl sie schützen zu müssen. Oft ist es auch, dass ich die Rolle der Mutter "übernehme", weil sie sich wie ein Kind verhält.

Meinen Freunden geht es allen auf irgendeine Art nicht gut und ich möchte auch ihnen helfen, doch ich stosse an meine Grenzen.

Vor zwei Jahren hatte ich eine starke Krise. Ich war selbstverletzend und bekam die Diagnosen Depression, Zwangsstörung und Jugendpsychose. Mit Medikamenten, welche ich nicht mehr nehme, bekam ich das mehr oder weniger in den Griff.

Ich bin zwar in Therapie, aber ich weiss nicht, wieviel das bringt. Ich fühle mich bei meiner Psychologin als dürfte ich ihr nicht alles offen sagen, weil ich auch da stark sein muss.

Ich weiss nicht mehr weiter. Manchmal denke ich an Suizid, doch ich weiss, was für ein riesiges Loch ich die Herzen meiner Freunde reissen würde.

Aber ich sehe einfach keinen Ausweg mehr. Ich habe solche Angst, dass alles nur noch schlimmer werden würde.

Hätten Sie mir vielleicht einen Rat?

Liebe Grüsse

L

Frage gestellt zu: Liebe, Sex und Freunde

Nimm deine Symptome und Grenzen wahr

Liebe L

Du schreibst, die Erinnerungen an den früheren Missbrauch kamen erst vor einem halben Jahr wieder bewusst zurück, und nun hast du ein komisches Gefühl gegenüber deinem Götti. Es ist gut, dass du ihn nicht direkt verdächtigen willst, aber grundsätzlich solltest du deine Gefühle ernst nehmen. Wenn du weisst, du hattest schon immer Angst vor ihm, solltest du das nicht ignorieren. Du merkst, dass dir seine Gegenwart nicht gut tut. Also, wenn es dir nicht schwer fällt, geh im vorläufig aus dem Weg. Du musst jetzt auch noch gar nicht wissen, woher dieses Gefühl genau kommt. Deine Erinnerungen kommen nicht alle geballt in dein Bewusstsein zurück.

Gewisse schlimme Erfahrungen können wir Menschen so gut und stark verdrängen von unserer bewussten Erinnerung, damit wir den Alltag und das Leben überhaupt bewältigen können. Diese Erinnerungen sind aber nicht einfach weg, sie können wieder kommen, oder sie äussern sich in Form von anderen Problemen. Du schreibst, du hättest Depressionen, Zwangsstörungen und Psychosen erlitten. Du dissoziierst und erlebst verschiedene Persönlichkeiten. Dass du beim dissoziieren, oder bei deinen Blackouts die Kontrolle verlierst, ist Teil der Störung. Es ist sehr verständlich, dass dich das beängstigt. Viele Menschen, die im Kindesalter sexuell missbraucht wurden, wenn man noch besonders verletzlich ist, erleben diese Erfahrung wie in einem Traum oder die Erinnerungen kommen erst sehr viel später zurück. Der Körper schaltet quasi einen Schutz ein, um diesen Moment zu überstehen, und 'entfernt sich' von sich selber. So könnte man das Dissoziieren beschreiben. Dass du in verschiedenen Bereichen den Bezug zu deinem Körper und deiner Psyche verlierst ist also sehr verständlich! Dass sich deine Psyche und dein Körper gegen diesen Zustand wehren, nimmt dir in dem Moment jegliche Energie für andere Dinge, ist aber auch ein Signal, das du nicht ignorieren solltest. Du schreibst du hast schon eine Therapie angefangen und deine früheren Diagnosen hast du einigermassen in den Griff gekriegt. Das ist ein toller Anfang und zeigt, dass du bereit bist, an dir zu arbeiten! Mach hier unbedingt weiter.

Du merkst, dass dich deine Geschichte zur Zeit an allen Enden fordert. Gleichzeitig möchtest du aber auch für alle anderen da sein. Du sagst, du hättest das Gefühl, du müsstest alle Leute um dich herum schützen. Sogar deine Therapeutin. Du sagst aber auch, du stösst an deine Grenzen. Nimm diese Grenzen wahr! Lerne dich da abzugrenzen, wo du merkst, fehlt dir die Kapazität. Du bist nicht verantwortlich für deine Mutter. Du musst ihr nicht alles anvertrauen, aber du musst sie auch nicht beschützen. Frag dich, warum du deiner Therapeutin nicht alles offen sagen kannst. Liegt es an ihr? Überlege dir, ob es bei einer anderen Person besser wäre. Du darfst die Psychologin auch wechseln, niemand schreibt dir vor, bei wem du dich wohl fühlst! Manchmal stimmt auch einfach die Wellenlänge nicht zwischen Patient und Therapeut, das muss allein für dich stimmen! Falls du dich eigentlich wohl fühlst, erzähl ihr, dass du das Gefühl hättest, vor ihr stark sein zu müssen. Du darfst ihr ALLES offen sagen, genau dafür ist sie da! Eine Psychologin soll genau das abfangen können, wo du das Gefühl hast, andere Menschen kämen mit deinen Problemen nicht klar.

Du bist wirklich schon sehr fest mit dir selbst gefordert, und jetzt kommt noch eine strenge schulische Zeit. Überlege dir, ob es dir vielleicht helfen würde, eine schulische Auszeit zu nehmen. Du hast verschiedene Symptome, die sich von einer Krankheit zur nächsten verschieben, und vermutlich den gleichen oder einen ähnlichen Ursprung haben. Es könnte dir helfen, eine Traumatherapie zu machen. Dafür müsstest du eine zeitlang stationär in Behandlung gehen. Es kann am Anfang sehr hart sein, weil du viel aufarbeitest, die Therapie ist aber sehr erfolgsversprechend. Du beschäftigst dich sehr differenziert mit dir selber, was eine super Voraussetzung für eine solche Therapie wäre. Probiere dich, deiner Therapeutin gegenüber so zu öffnen wie hier, und frag sie dann, was sie davon hält. Wenn dir das zu schwer fällt, druck den Text, den du hier geschrieben hast aus, und geb ihn ihr. 

Ich wünsche dir weiterhin viel Erfolg

Claire

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