Habe Essstörung und verletze mich

Hey :)

Danke für diese Seite... Ich habe viele Fragen gelesen und eure Antworten sind freundlich und hilfreich, deshalb versuche ich es einfach auch mal. Also, im Frühjahr habe ich angefangen mit selbstverletzendem Verhalten (nicht Ritzen, sondern Unterarme blutig kratzen). Ich habe zwei Freunden davon erzählt (das Mädchen hat sich auch mal geritzt) und nach einer Weile haben meine Eltern es gesehen. Sie haben sich natürlich Sorgen gemacht und ich habe versprochen, aufzuhören. Das habe ich ein paar Wochen durchgehalten und dann an anderen Stellen (Füße, Hüftknochen, Taille) weitergemacht. Leider sieht man die Narben an den Armen noch ziemlich deutlich und so habe ich den ganzen heißen Sommer lange Ärmel getragen.

Schon nach den Osterferien habe ich begonnen, weniger zu essen. Ich hatte drei Mal die Woche Nachmittagsschule und habe in der Schule gegessen - oder auch nicht. Das Pausenbrot habe ich an meine Freundinnen verteilt und immer gesagt, ich würde zuhause essen. Was ich meinen Eltern erzählt habe, könnt ihr euch vermutlich denken... Meinen Freunden ist mein Essverhalten bald aufgefallen und sie haben mich öfter darauf angesprochen. Ich konnte es mir lange Zeit nicht eingestehen, aber als ich "Tricks" benutzt habe wie Essen kauen und in den Mülleimer spucken und PERMANENTES LÜGEN, wurde mir irgendwann klar, dass ich ein Problem habe. Außerdem sehe ich nur Fett, wenn ich in den Spiegel schaue. Wir besitzen keine Waage, aber bei meiner Oma habe ich mich gewogen: 47kg bei 173cm. Vor ein paar Wochen waren es noch 50... Aber es reicht nicht, es reicht nie.

Im Sommerurlaub hat meine Mutter mich darauf angesprochen (sie war mit 16 magersüchtig). Ich habe ein bisschen was zugegeben, aber nicht alles. Im Internet habe ich viel zu dem Thema gelesen. Und ich habe Angst, denn mittlerweile bin ich fast sicher, dass ich eine Essstörung habe. Einerseits will ich normal und was ich will essen können und sehe ein, dass ich vielleicht zu dünn bin. Andererseits kenne ich ein Mädchen (auch Ritzen und Depressionen), das noch viel strenger Kalorien zählt und dazu viel Sport treibt. Sie wiegt zwar das Doppelte, aber isst manchmal tagelang nichts. Verglichen mit ihr bin ich ein Mähdrescher :D Und dann will ich eben auch abnehmen... Und wenn ich meiner Mutter das sage, verbaue ich mir selbst diese Möglichkeit endgültig, schon jetzt guckt sie immer darauf, was ich esse.

Ein weiteres Problem ist, dass ich mich nicht wirklich traue, eine Therapie anzufangen, da ich im sommer 2016 für ein Jahr nach Costa Rica will und die Austauschorganisationen mit so etwas sehr streng sind. Aber das ist mein Traum. Ich will unbedingt dorthin.

Außerdem habe ich mit meinem Freundeskreis Probleme... Ein Mädchen hat von dem Kratzen erfahren, weil sie heimlich meine SMS gelesen hat. Jetzt verhält sie sich sehr verletzend und abweisend mir gegenüber. Wir haben zweimal, gestern und heute, zu fünft ein offenes Gespräch versucht, aber heute gab es wieder Streit... Die anderen wissen seit ein paar Tagen aber auch von meinem SVV und haben es überraschend positiv aufgefasst.

Meine Sorge ist, dass das Essproblem schlimmer wird, wenn die Schule wieder anfängt, da ich es besser verstecken kann. Oder dass ich bulimisch werde. In meiner Klasse sind wir nicht sonderlich beliebt. Und der Druck ist immer sehr hoch, auch wenn ich eine gute Schülerin bin. Ich bin übrigens 14, große Schwester, fürsorglich und perfektionistisch und "erwachsen" und verzweifelt und ratlos. Entschuldigt den langen Text... Es gibt sicher wichtigere Fälle, ich komme schon zurecht.

Liebe Grüße,

Emily

Frage gestellt zu: Liebe, Sex und Freunde

Such dir jemanden, der dir hilft, dir wieder mehr Sorge zu tragen!

Liebe Emily

Gut, dass du uns schreibst. Dafür sollst du dich nicht entschuldigen, denn du hast richtig erkannt, du solltest dir helfen lassen. Du hast ein paar ganz ungesunde Strategien entwickelt mit Stress und Druck und Spannung umzugehen. Das Kratzen und SVV ist ein Teufelskreis, wie du selbst gemerkt hast. Je mehr du das machst, desto mehr schränkst du dich ein, musst dich verstecken, fühlst dich unwohl in deinem Körper, bis du es wieder tust und das Unwohlsein noch stärker förderst. Dazu kommen Probleme, die es in deinem sozialen Umfeld aufwirft, die dich dann wieder traurig machen und du dadurch wieder kratzt. Das ist wirklich eine ganz ungünstige Abwärtsspirale. Das Gleiche gilt für deine Essstörung. Du bist untergewichtig, belügst dein Umfeld und dich, hast eine verschobene Körperwahrnehmung und vergleichst dich mit noch ungesunderen Beispielen. Du bringst deinen Körper und dich in Gefahr mit diesem Verhalten, denn all deine Zellen brauchen Nährstoffe, die du nur über Nahrung aufnehmen kannst, damit deine Organe gesund funktionieren können!

Du sagst selber, du bist verzweifelt und ratlos, also solltest du was ändern. Durchbrich diese Abwärtsspirale und diesen Teufelskreis. Du hast bereits mit deiner Mutter und deinen Freundinnen geredet. Bei deiner Mutter kannst du aber nicht alles sagen und deine Freundinnen sind vielleicht selbst so sehr damit überfordert, dass es dann Streit gibt, was dich noch mehr runterzieht. Ich rate dir an, mal mit einer Psychologin oder einem Psychologen über deine Problem zu sprechen. Das Gute daran, sich professionelle Hilfe zu suchen ist, dass du bei denen ALLES abladen darfst, ohne das Gefühl haben zu müssen, dass es denen zu viel wird, sie enttäuscht sind, oder sie dich werten. Und dazu kriegst du noch Tipps, was du in schwierigen Situationen als bessere Strategien anwenden kannst. Es ist ein tolles Ziel, dass du nach Costa Rica gehen willst, sieh das als Belohnung, dafür dass du erst mal ein paar Sachen in deinem Leben anpackst und dir wieder mehr Sorge trägst. Such dir dafür jemanden, der/die dich dabei unterstützt, du sollst das nicht allein machen.

Alles Gute

Claire

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