Helfe ich aus Egoismus?

Hallo...

Ich entdeckte eine Chat-Funktion und kam öfters mit bestimmten Usern in Kontakt und schrieb mit denen, während meine "Ängste und Scheu" sich langsam abbaute. Ich lernte auch zwei User kennen: ich nenn sie mal A. und R.

Zu denen hab ich inzwischen genug Vertrauen um sie wirklich als Freunde zu bezeichnen. Sie sind beide nett und mögen mich, obwohl ich manchmal komisch reagiere, etwas nicht sofort verstehe oder sich allgemein meine mangelnde soziale Fähigkeiten zeigten.

Besonders R. hat mich von der Person her positiv beschrieben. Nett... freundlich... happy... sympathisch... sowas hab ich nie im Leben zu hören bekommen (dabei hab ich mich wirklich nicht verstellt.) Sie, als auch der Rest der Community, sind sehr nett zu mir. Sie klären mich auf, ermutigen mich. Sowas hab ich von meiner Mutter nie bekommen... auch nicht von meinem Vater... :(

Es ist die erste Sache, die ich eigenständig vollbracht hab, ohne dabei als Witzfigur zu enden. Eigentlich alles Wunderbar.

Bis... zu jenen Abend: R. kündigte seinen Selbstmord an. Weder ich noch die anderen Community-Mitglieder konnten ihn zu dem Zeitpunkt zur Vernunft bringen. Dann hörten wir nichts mehr von ihm...Zwar hatte R. es dann doch nicht getan (hatte an uns gedacht), aber es ging ihm in den darauffolgenden Tagen noch ziemlich schlecht.

Ich konnte und WOLLTE es nicht akzeptieren, dass der erste Mensch, der mich (aus welchen Gründen auch immer) als echte Person akzeptierte, einfach so verschwindet! Also hab ich mich in den daraufolgenden Tagen um ihm "gekümmert".  Ich hatte mich über dieses Thema informiert. Hab entsprechende Links gesucht und zu ihn geschickt - auch den Link zu dieser Seite (Ich hoffe, er findet meinen Beitrag nicht.).Alles Mögliche hab ich gemacht: Nachgefragt, nachgehackt, zugehört, hinterfragt...Sogar provoziert hab ich ihn, sodass er auf mich wütend ist anstatt auf sich selbst.

Die Sache machte mir auch körperlich zu schaffen, denke ich: Ich aß weniger, schlief schlecht, bekam so ein "komisches Gefühl" an den Extremitäten und hatte während dieser Zeit auch krampfhafte Durchfälle.

Mit der Zeit machte ich ihm glaub ich klar, dass ich und die restliche Community für ihn da sein werden und er nicht alleine ist. Zumindest hab ich glaub ich ihn indirekt dazu bewegt es den Menschen den er liebt zu erzählen.

Er erklärte mir, dass ich zu den Hauptpersonen gehöre, die ihn quasi gerettet haben. Er... bedankte sich bei mir. Dafür, dass ich an ihm geglaubt hab..  Für ihn da war...Und so stur blieb... Ich muss schon sagen, dass es für mich das erste Mal, dass ausgerechnet meine negativste Eigenschaft (Sturheit) mal zu etwas Nutze war. Der Typ sagte sogar zu mir, dass ich ein ganz besonderer Mensch bin :) (Auch wenn ich ehrlich gesagt nicht weiß, wieso.) Vielleicht ist es Wunschdenken jetzt, aber... wir sind tatsächlich richtig gute Freunde geworden.

Doch nun... stecke ich in ein Dillema:

Ich hab den Eindruck gewonnen, dass R eine sehr hohe Achtung vor mir gewonnen hat. Und diese Achtung fühlt sich so... naja... unverdient an. Irgendwie spukt in mir der Gedanke, dass er mich eigentlich garnicht mögen soll. Dass mich... niemand mögen soll. Auch empfinde ich so wiedersprüchliche Gefühle dabei: Auf der einen Seite fühle ich mich gut dabei ihn zu helfen, zu unterstützen und dabei seinen Dank und Wertschätzung zu erhalten. Auf der anderen Seite aber... komm ich mir so erbärmlich und schäbig dabei vor.

Irgendwie wie hör ich jetzt in meiner Vorstellung die Stimme meiner Mutter im Kopf wie sie zu mir sagt, dass ich "dumm und lächerlich bin, nicht alles glauben soll und ihm nur helfe, damit ich jemanden hab, der schön mein Ego streichelt".

Kann es vielleicht sein, dass ich R. benutze? Ihn nur am leben erhalte, damit ein Mensch existiert, der weiterhin Komplimente macht und einfach nett zu mir ist? Denn seine Worte tun mir wirklich gut und versuche es (halt auf meiner Weise) es irgendwie zurückzugeben. Ich kann mich aber im Moment nicht gegen dieses... "Bedürfnis" wehren. Nie hatte ich das Gefühl gehabt, dass man mich als Mensch akzeptiert.

Dass ich einfach... in Ordnung bin. Und nun krieg ich scheinbar ohne etwas dafür zu tun dieses Gefühl. Und wahrscheinlich weil ich es zuvor noch nie so intensiv wie jetzt gekriegt hab, schätze ich seine Worte umso mehr und lege es einer ziemlich hohen Gewichtung. Steckt hinter meiner Hilfe nur der pure Egoismus?

Ich hab wirklich die Befürchtung, dass diese Achtung, die er vor mir jetzt hat, mit einem Schlag verblassen kann.

Auch in meinem Realen Leben (RL) läufts nicht gerade rund.

Frage gestellt zu: Liebe, Sex und Freunde

Selbst- und Fremdbild

Liebe Anonym

Du siehst, ich habe deinen Text gekürzt, da wir ja nicht über alles auf einmal reden können. So will ich deine Selbstzweifel und die unterschiedlichen Rückmeldungen mit dir besprechen.



Dein Selbstbild ist so grottenschlecht, dass es höchste Zeit war, dass da jemand mal völlig unabhängig von deinem Umfeld einfach so aus dem Netz dir ein paar nette Sachen gesagt hat. Vielleicht ist es für dich so, dass du in der Chat-Welt lernen kannst, deine fürsorgliche Seite zu üben. Vielleicht lässt du in der virtuellen Welt zu, dass dir andere Menschen nahe kommen können. Das ist ein gutes Training, denn du möchtest ja nicht für immer und ewig eine sozial inkompetente Versagerin sein. Und offensichtlich sind da gewisse Fähigkeiten noch nicht so stark entwickelt, wie es gut für dich wäre, aber du machst grosse Fortschritte.

Verzweiflung und Selbsttötungsabsichten sind häufig Themen bei kopfhoch. Es ist gut, dass du diese Ankündigung ernst genommen hast und dafür gekämpft hast, dass R. seinem Leben kein Ende setzt. Das spürst du, dass du es richtig gemacht hast. Und du bekommst die Bestätigung von R., dass du ihm geholfen hast zu richtigen Zeit.

Deine Zweifel haben alle Menschen in helfenden Berufen. Sie müssen sich auch fragen, tue ich dies, damit ich mich selbst gut fühle? Fühle ich mich nur gut, wenn da jemand ist, dem es schlechter geht als mir? Gibt es meinem Leben einen Sinn, wenn ich andere rette? Und was passiert mit mir, wenn es mir nicht gelingt, jemanden am Leben zu halten? Bin ich dann Schuld? Du siehst, die Fragen gehen in beide Richtungen, wenn das Ende gut ist oder schlecht, man muss sich immer fragen, weshalb tue ich es und welchen Einfluss habe ich auf jemand anderen.

Die Antworten muss jede Fachperson für sich selber finden, aber du kannst ganz sicher sein, dass "das Ego streicheln" absolut ok ist und auch bei Profis wirken kann. Wenn man etwas bewirken will und es gelingt, ja, dann darf man ruhig auch stolz sein, dass es gelungen ist. Aber man muss auch lernen, dass man keine Wunder wirken kann und nicht alles möglich ist, was man gerne erreichen würde. Deine körperlichen Symptome sind ein typisches Zeichen für eine hohe Nervenanspannung. Also wenn du nicht überheblich wirst, ist es total ok, dass du die Komplimente annimmst und dich gut fühlst.

Dann nimm doch mal dieses gute Gefühl, geachtet und respektiert zu werden und pack eines deiner Probleme im Realen Leben an :-)

kopfhoch!

Bettina

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