Ich halte es zu Hause nicht mehr aus

sehr geehrte damen und herren

Ich bin vor kurzem 18 jahre alt geworden. mitte mai habe ich mit einer beraterin kontakt aufgenommen. damals war ich auch in einer krise und wusste nicht mehr wie weiter. sie half mir dann in Chur einen psychologen zu suchen, da ich dort zur zeit arbeitete. ich war nun 3 monate 1 mal wöchentlich dort und sprach über meine probleme, ängste usw... doch nun ist dieses jahr zu ende und ich bin seit freitag wieder zu hause. nun ist alles noch viel schlimmer!!! ich hatte gestern abend und heute mehrere wutanfälle und konnte mich kaum mehr beherrschen.

das ganze, weil meine mutter mich andauernd befiehlt, wann ich was machen muss. nun habe ich eine woche ferien. Ich musste ein blatt voller regeln unterschreiben, in dem unter anderem auch steht, dass ich um 22.00 uhr im bett sein muss!!! und das sogar in den ferien! am morgen muss ich dann jeweils um 9.00 uhr aufstehen, weil man sonst den ganzen tag verschlaft. heute wollte meine mutter baden gehen. dass heisst ich muss mit ihr ins strandbad gehen, obwohl ich lieber mit kollegen/innen in eine badi hier in der nähe gehen würde. Ich darf am abend nicht mehr fehrnsehen, am wochenende auch nicht und unter der woche auch nicht... eigentlich nie- ins Internet darf ich nur begränzt und nur gerade dann, wenn sie es mir erlaubt. Für im Bündnerland habe ich mir mein geld zusammengespart und einen laptop gekauft. Diesen müsste ich aber nun zu hause abgeben und dürfte ihn nicht brauchen. Aber auch mein handy darf ich zu hause nicht brauchen. Aber auf diese weise kommuniziere ich mit meinen freunden. Diese treffen sich mehr mals wöchentlich auch am wochenende und gehen auch am abend miteinander aus. Das kann ich alles nicht. In Chur durfte ich einige male mit anderen etwas unternehmen, aber auch nur, weil ich das wochenende sowieso dort bleiben musste wegen irgendwelchen prüfungen oder kursen. Nur gerade am schluss hat sie mir erlaubt mit andern 2-3 mal am abend noch ein wenig an den see zu gehen!!!

Heute bin ich nun einfach wieder so durchgedreht, habe gegenstände um mich geworfen und konnte mich einfach nicht mehr beherrschen!!!! Meine mutter wollte dann weg, sagte zu mir aber dann, ja sie könne mich nicht alleine lassen, denn ich sei nicht normal – so wie andere!!Mit anderen worten ich sei dumm im kopf!!! Es ist immer alles nur mein fehler ect… Ich hatte nirgendwo probleme!!! Ich hatte gute schulnoten! gute arbeit in der gastfamilie mit kleinen Kindern geleistet. Und noch dazu war ich ende des jahres beim abschlussfest, von meinen lehrern für mehrere Preise vorgeschlagen wurde. nächste woche fange ich mein praktikum an. Auch dort war ich sofort erfolgreich!!! 2 tage nachdem ich die bewrbung geschickt habe, wurde ich eingeladen. Nach der Tagen Schnuppern mit andern Bewerbern, bekam ich die Stelle!!!

Ich halte es zu hause unter diesen umständen nicht mehr aus!!! Ich brauche freiheit um entscheidungen selber zu treffen… alle sagen mir ja mach doch du bist 18!!! Deine eltern können dir gar nichts mehr befehlen ect… Doch!!! Denn ich habe kein geld! Ich kann finanziell nicht für mich selber sorgen, also bin ich trotzdem auf sie angewiesen!!! Aber ich will weg!! In Chur hatte ich wenigsten einigermassen meine freiheit, ich musste trotzdem für alles fragen oder bitten, doch wenigstens alltägliche entscheidungen konnte ich selber treffen!!

Meine Mutter rief vorhin einer Jugendberatung an und wollte, dass ich mit dieser Person spreche!!! Aber ich bin derart emotional geladen, dass ich nicht fähig bin!!! Und vor allem nicht neben meiner Mutter!!! Sie liese mich sowieso nicht alleine und hat diese person schon vorher beeinflusst…

Ich bin einfach wieder an einem Punkt angelangt wo ich nicht mehr weiter weiss!!! Mein therapeut aus Chur riet mir hier in Zürich die gesprächstherapie weiter zu führen. Doch dies bringt nichts wenn nur ich darüber rede, denn bei mir scheint alles in ordung zu sein, denn sonst hätte ich überall probleme…

Was soll ich nun tun??? Ich wäre sehr dankbar über einen rat!!!

mit freundlichen grüssen

Maja

Frage gestellt zu: Liebe, Sex und Freunde

Ausziehen und Therapie¨

Liebe Maja

Die Regeln, die deine Mutter für dich aufstellt, sind übertrieben und es scheint mir normal, dass du mit Wutanfällen reagierst. So wie du dein Leben und deine Leistungen beschreibst, würde ich auch darauf tippen, dass dein einzig grosses Problem, der Umgang mit oder besser die Hilflosigkeit deiner Mutter gegenüber ist. Und es ist gut, dass du das auch so siehst und ein gutes Selbstvertrauen hast und stolz auf deine Leistungen bist. Den Umgang mit deiner Mutter und deine Reaktionen auf sie ist aber durchaus etwas, was man in einer Therapie üben kann, sodass du in Zukunft lernst deine berechtigten Ansprüche (v. a. auf Freiheit) zu äussern und vor allem auch durchzusetzen und nicht beginnst, dass du nicht an dir zu zweifeln beginnst, dass du dich nicht mehr derart verzweifelt und wütend fühlst. Diese Art von Therapie wird zum Beispiel von Verhaltenstherapeuten durchgeführt. Auch können sie deine Ängste behandeln. Die Gesprächstherapie war gut, um mit jemandem über alles sprechen zu können, der dir auch bestätigt, dass mit dir als Person alles in Ordnung ist. Melde dich also bei einem Beratungszentrum für Jugendliche, wie du es vorher schon gemacht hast, und lasse dich beraten, was für Therapiemöglichkeiten es gibt.

Wenn deine Mutter das nächste Mal, eine Jugendberatung anrufen will, dann lass sie das unbedingt tun. Ich kann mir nicht vorstellen, dass Leute, die auf diesem Gebiet arbeiten, sich so schnell von Mütter beeinflussen lassen. Für die steht immer der Jugendliche und dessen Wohlbefinden im Zentrum. 

Trotzdem wäre es gut, wenn du ausziehen könntest. Du muss nicht zuhause bleiben, du kannst dir zum Beispiel in einer WG ein Zimmer suchen, denn deine Eltern müssen dich unterstützen bis du 25 Jahre alt bist, solange du in der Erstausbildung bist. Wenn du das nicht mit deiner Mutter aushandeln kannst, hast du die Möglichkeit dich an die Vormundschaftsbehörde oder das Sozialamt deines Wohnortes zu wenden. Die regeln dann die finanzielle Beteiligung. Eine Therapie würde ich trotzdem machen, denn deine Mutter wird dich auch zu kontrollieren versuchen, wenn du ausgezogen bist und du musst noch lernen, dich innerlich und in deinem Verhalten dagegen zu wehren. Das ist natürlich mit viel Nerven verbunden, aber ich würde dir schon empfehlen, auszuziehen, denn das Verhalten deiner Mutter verhindert so vieles, kann dazu führen, dass es dir immer schlechter geht und es ist einfach nicht gerechtfertigt. In Chur konntest du ja bereits beweisen, wie selbständig du bist!

Lieber Gruss und viel Kraft! Kim

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