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Ich teile meine Krise nicht

Hi,

Ich bin 15 und seit dem ich denken kann eigentlich ziemlich schüchtern. Ich habe immer Probleme gehabt, auf Menschen zuzugehen, mit ihnen zu reden etc.

Ich habe einen recht großen Freundeskreis eigentlich, aber ich überwinde mich nur selten, mal was mit ihnen zu machen, weil ich Angst habe näher mit ihnen in Kontakt zu treten. Ich habe 1-2 Freunde, mit denen ich mich regelmäßig verabrede und das sind auch Leute, unter denen ich mich sehr wohl fühle meistens. Wir teilen die gleichen Hobbys und kommen gut miteinander klar, doch hab ich das Gefühl irgendwie, dass irgendwie die Nähe zu ihnen fehlt, die ich mir eigentlich wünsche, aber vor der ich auch Angst habe. Mit diesen Menschen spiele ich zwar zusammen, hab Spaß und lache und bin eigentlich glücklich, doch es fehlt mir einfach jemand, der auch in schweren Zeiten an meiner Seite steht und für mich da ist. Ich selber hatte und habe eigentlich immer noch eine Krise, doch ich teile sie nicht mit meinen Eltern oder Freunden, weil ich mich nicht dazu überwinden kann, obwohl ich mir wünschte, ich könnte es...

Ich war auch vor einiger Zeit schon bei einer Psychotherapie speziell für Kinder, weil meine Eltern merkten, dass ich mich sehr zurückzog und ich jemanden zum Reden brauchte bzw. immer noch brauche. Mit dieser Therapeutin hatte ich eigentlich ein gutes Verhältnis, aber ich konnte nie wirklich mit ihr über mich sprechen. Meinen Eltern habe ich das auch nicht gesagt, obwohl ich eigentlich mit einem darüber reden müsste.

Gerade habe ich auch grosse Probleme mit der Schule, weil ich mich innerlich verweigere zu lernen, obwohl ich relativ intelligent bin. Ich schaffe es nicht mich hinzusetzen und zu üben, weil all das was ich eigentlich machen muss, sich bildlich vor mir wie ein riesiger, unbezwingbarer Berg hochstapelt und ich es nicht schaffe, ihn anzugehen. Ich bin auf dem Gymnasium, wo der Druck zur Zeit sehr hoch ist und ich dem eigentlich nicht gewachsen bin. Die Möglichkeit auf die Realschule zu gehen will ich mir nicht vor Augen führen. Ich würde mein ganzes Umfeld verlieren, viele neue Leute treffen und mich mit denen identifizieren müssen. Natürlich könnte ich alle möglichen Freunde auch außerhalb der Schule treffen, aber ich habe Angst davor. Aber wenn ich auf dem Gymnasium bleiben will, muss ich Leistung bringen, an der ich innerlich zerbreche und wenn ich mich überwinden will, meine Aufgaben anzugehen, bin ich wie gelähmt und ich kann nichts mehr arbeiten. Ich fühle mich wie Versager, ein niemand, der schon selbst mit seinen Problemen klarkommt, aber ich brauche Liebe, Geborgenheit, jemand der mir hilft, das alles nicht alleine durchstehen zu müssen, aber ich kann mir niemanden meiner Freunde vorstellen, der das sein könnte. Ich habe auch den sehnlichen Wunsch danach, glücklich mit einem Mädchen zu sein, das mich liebt und mir mal sagt, daß es mich mag oder so. Aber auf jemanden zuzugehen oder so könnte ich nicht, ich wäre viel zu feige. Ich hasse auch eigentlich mein eigenes Aussehen, ich finde mich unattraktiv und unnütz in dieser Welt. Mich würde doch nie jemand lieben.

Während ich das hier schreibe habe ich Tränen in den Augen, weil meine Lage so aussichtslos erscheint.

Ich werfe ein negatives Bild auf gleichaltrige Menschen, weil ich oft negative Erfahrungen mit ihnen hatte. Zum Beispiel spiele ich gerne Fussball, bin auch gut darin aber selbst mit dem Fussball musste ich immer wieder Rückschläge einstecken. Ich war kurz davor aufzuhören, weil ich nicht ins Umfeld gepasst habe. Ich hab kaum ein Wort raus bekommen aufgrund meiner Schüchternheit. Alles ging an mir vorbei. Ich habe schon den Verein gewechselt und hatte nicht immer schlechte Erfahrungen, im Gegenteil. Der Fussball ist GUT für mich. Trotzdem habe ich keine FREUNDE in dem Verein, wo ich bin.

Ich brauche dringend Hilfe, ich sehe mich als unnütz.

Und ich sehe keinen Sinn in diesem Leben, ich will es aber genießen doch ich kann nicht.

Bitte helft mir.

PS: Sorry für die miserable Rechtschreibung, aber ich schreibe vom Handy und einer kleinen Tastatur. Da ist das schwierig.

Lg Andrew

Frage gestellt zu: Liebe, Sex und Freunde

Setz dich deinen Ängsten aus

Lieber Andrew

Hut ab für deinen Mut, dich an uns zu wenden. Du hast dich trotz deiner Schüchternheit überwunden, über dich zu berichten und Nähe und Hilfe zu suchen. Ich muss dir widersprechen, du bist überhaupt kein Versager, sondern erkennst deine Bedürfnisse. Alle Menschen brauchen Liebe und Geborgenheit – das ist ganz tief in uns verankert.

In deinem Umfeld sehnst du dich auch nach vertrauten Gesprächen, doch dort getraust du dich nicht. Die einzige Möglichkeit, deine Probleme anzugehen, ist, dass du dich aktiv deiner Schüchternheit und deinen Ängsten aussetzt und dich auch in deinem Umfeld überwindest.

Natürlich ist das sehr schwierig, sonst hättest du uns ja nicht geschrieben. Ich sehe deine Lage nicht so aussichtslos wie du. Es ist einfacher, deine Probleme nicht alleine anzugehen. Ich empfehle dir, nochmals zu deiner Therapeutin zu gehen. Der Vorteil ist, dass du bereits ein gutes Verhältnis zu ihr hast. Ich glaube, dass du es schaffen wirst, dich mit der Zeit gegenüber ihr zu öffnen und ich bin mir sicher, dass sie dich verstehen wird! Sie wird auch Verständnis dafür haben, dass du früher noch nicht wirklich mit ihr über dich gesprochen hast. Falls es mit dem Reden nicht auf anhin klappt, kannst du auch diese Anfrage ausdrucken und ihr mitbringen – das ist viel einfacher.

Hast du es einst geschafft, dich ihr gegenüber zu öffnen, dann hast du nicht nur eine Person zum Reden gefunden, sondern auch jemanden, der dir hilft, dich gegenüber allen weiteren Personen zu öffnen und dich dabei begleitet. (Falls deine Therapeutin nur Kinder behandelt, lass dir von ihr eine andere Therapeutin/einen anderen Therapeuten empfehlen). Allgemein beim Reden über sich gilt: Du bestimmst den Inhalt und das Tempo. Das heisst, du musst nur so viel preisgegeben, wie du zum jeweiligen Zeitpunkt möchtest.

Falls du mit deinen Freunden und deinen Eltern über deine Krise reden werdest, wirst du merken, dass andere Menschen ähnliche Ängste und Wünsche wie du haben. Bei ihnen sind sie möglicherweise einfach nicht so intensiv wie bei dir. Es ist übrigens auch total ok, dass du eine schüchterne Person bist. Es ist nur wichtig, dass du den Teil deiner Schüchternheit überwinden kannst, der bei dir Leiden verursacht.

Entsprechend versuch dich in deinem grossen Freundeskreis und in deinem Fussballverein nicht so stark auf deine Schüchternheit zu konzentrieren. Geniess einfach das daran, was dir Spass macht z.B. das Fussball spielen. Aber doch gilt auch hier: Wenn du deine Schüchternheit überwinden möchtest, setz dich deinen Ängsten aus. Zum Beispiel könntest du dir vornehmen, während jedem Training mit jemandem ein kleines Gespräch zu beginnen, in dem du eine simple Frage stellst z.B. über den letzten Match oder bekannte Fussballspieler.

Zu deinen grossen Problemen in der Schule: Versuch dich vom Druck dieses riesigen, scheinbar unbezwingbaren Berg nicht überlisten zu lassen. Ich glaube nämlich, dass du die Fähigkeit besitzt, diesen Berg zu bewältigen. Du sagst ja, dass du relativ intelligent bist. Nimm dir genügend Zeit, um dir eine Überblick zu verschaffen, bevor du dich richtig an die Arbeit machst. Mach dir einen Zeitplan, wie du den Berg in kleinen Zwischenetappen bewältigen kannst. Wichtig ist, dass du immer wieder genügend aktive Pausen einplanst, in denen du dich von deiner Lähmung erholen kannst (zum Beispiel durch Fussballspielen). Diese darfst du dann so richtig geniessen. Überleg dir auch: Was wäre die allerschlimmste Möglichkeit und wie wahrscheinlich ist sie? Häufig merkt man, dass die Angst nicht so realistisch ist, wie man sie wahrnimmt. Und falls du wirklich auf die Realschule müsstest, würde dass dann schon auch irgendwie klappen mit den neuen Leuten.

Ganz bestimmt wirst du das Mädchen finden, nachdem du dich so sehnst. Wenn du dich zuerst um deine Schüchternheit und dein Bedürfnis nach Reden kümmerst, wird es bestimmt auch einfacher werden auf ein Mädchen zuzugehen oder du lernst plötzlich eines ganz ohne Verkrampfung kennen. Du bist ganz sicher liebenswert. Viele Mädchen stehen übrigens auf Jungs, die ihre Gefühle so benennen können wie du. Nur schon das macht dich attraktiv.

Du sagst, du kannst nicht geniessen. Ich sehe auch viel Gutes bei dir: 1-2 gute Freunde, mit denen du dich sehr wohl fühlst und ein grosser Freundeskreis. Du kannst gut Fussball spielen und bist (relativ) intelligent.

Du wirst wieder mehr Sinn in deinem Leben finden, wenn du deine Krise überwunden hast.

Nur so: Ich finde dich sehr sympathisch!

Sophia

PS: Deine Flüchtigkeitsfehler wegen der Tastatur hab ich korrigiert. Du schreibst für dein Alter übrigens sehr gut.