Kann meine Mutter nicht lieben

Hey,

ich bin gerade zu Besuch bei meiner Familie und schon seit längerer Zeit kann ich meiner Mutter nicht in die Augen sehen, weil ich sie nicht mehr ausstehen kann. Ich will sie nicht hassen und das tue ich auch nicht, aber ich liebe sie auch nicht wie ich meine Geschwister liebe. Ich weiß nicht worüber ich mit ihr reden soll und sie hat mich früher als ich kleiner war auch nie verstanden und später wollte ich dann auch nicht mehr mit ihr reden. Es tut mir so weh weil sie doch meine Mutter ist, aber ich kann sie nicht lieben. Sie hat mich oft verletzt und jetzt immer wahrscheinlich auch nicht beabsichtigt, trotzdem müsste sie doch an meinen Reaktionen erkennen, dass es mich trifft und ich schon unsicher genug darüber bin, wenn sie mir meine Fehler immer wieder unter die Nase reibt (mein Aussehen und dass ich noch nie eine Beziehung hatte). Wenn ich in meiner Wohnung bin, dann hab ich größeren Abstand und kann es ganz gut ertragen, kann auch halbwegs normal mit ihr telefonieren. Aber wenn ich sie dann sehe, will ich am liebsten wieder fahren und nichts mit ihr zu tun haben, meine Geschwister sind auch sehr oft abweisend zu ihr und trotzdem spricht sie davon wie toll doch unsere familiären Beziehungen sind. Ich hab schon ab und zu mal gesagt, dass wir doch schon ein paar Probleme haben, aber da winkt sie dann ab und lacht. Ich hab dann auch nicht mehr die Energie mich weiter damit auseinanderzusetzen und lasse sie in Ruhe. Das aus dem Weg gehen ist am besten, trotzdem fühle ich mich schuldig und habe auch Angst, dass wenn sie irgendwann stirbt ich diese Zeit bereue und ich einfach lernen sollte sie zu lieben, aber dann macht sie wieder irgendwas und ich denke nein ich will das nicht, ich kann nicht so tun als ob da dieses Gefühl wäre. Manchmal verachte ich mich selber, weil ich so denke und ich verdränge diese Gedanken, aber gerade wenn ich längere Zeit zu Besuch bin, kann ich es nicht stoppen, aber ich möchte niemanden hassen.

Meine Eltern streiten sich auch seit langem immer wieder und meist versuche ich mich rauszuhalten, aber manchmal bin ich dann auf der Seite meines Vaters und kann viel besser mit ihm reden und zuhören und zu ihm aufsehen, das kann ich einfach nicht bei meiner Mutter und das ist schrecklich. Ich hätte gerne ein anderes Verhältnis zu ihr, aber gleichzeitig weiß ich, dass ich das nicht schaffe und habe große Angst, dass ich später so werde wie sie. Ich sehe einfach kaum noch Liebe zwischen meinen Eltern und ich habe Angst, dass es bei mir später genauso wird, dabei hab ich immer noch den Glauben und die Hoffnung daran, dass manche Lieben stärker sind als andere und man dafür zusammen kämpfen kann. Doch da ich im echten Leben diese Gefühle noch für keinen Mann empfunden habe, verschwinde ich am liebsten Tage lang in meinen Liebesromanen und träume, das macht mich glücklich, aber ich habe Angst, dass dieses Gefühl aus der Realität zu entschwinden zu groß wird und ich irgendwann nur noch in meinen Träumen lebe. Ich habe eigentlich ein richtig gutes Leben, trotzdem fühlt es sich manchmal nicht richtig an und ich würde gerne aufwachen. Ist es falsch sich öfters in seine Träume zu flüchten? Ich fühle mich immer so als sollte ich wieder in Realität ankommen, weil ich sonst was verpassen könnte und nichts sinnvolles mit meinem Leben anfange.

Liebe Grüße Anna

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Frage gestellt zu: Liebe, Sex und Freunde

Hör auf deine Gefühle

Liebe Anna

Du beschreibst deine Gefühle sehr präzise und ausführlich. Du bist reflektiert und hast einen guten Zugang zu deinen Gefühlen. Das sind deine Gefühle und die darfst und sollst du ernst nehmen. Du musst dafür kein schlechtes Gewissen haben. Du bist sehr differenziert und probierst Schritte auf deine Mutter zu zu machen, aber was du von ihr zu spüren bekommst, ist Abweisung. Das ist überhaupt nicht einfach. Du hast aber Wege gefunden, wie du besser damit klar kommst. Abstand zum Beispiel, oder wenn du nur mit ihr telefonierst. Viele Leute denken, dass man die Familie bedingungslos lieben muss. Das stimmt aber nicht. Du bist eine Person mit Bedürfnissen und Gefühlen und wenn die von einer anderen Person verletzt werden, dann kommst du an einen Punkt, wo du dich selber schützen willst und dich von der verletzenden Person distanzierst. Das ist sehr gesund. Nur weil es sich um deine Mutter handelt, musst du dir von ihr überhaupt nicht alles gefallen lassen. Sie scheint deine Probleme mit ihr nicht so wahr oder ernst zu nehmen, wenn du sie ganz allgemein darauf ansprichst. Vielleicht kannst du dir überlegen, sie mal in einer ganz konkreten Situation zu konfrontieren - oder im Nachhinein, ihr zu sagen, das hat mich jetzt verletzt, und sie zu fragen, warum sie sowas sagt. Vielleicht kannst du ihr dann erklären, dass dich ihre Aussagen verunsichern und du das total unnötig findest. Offenbar ist sie sich dessen nicht so bewusst.

Dumusstdich aber überhaupt nicht gut mit deiner Mutter verstehen. Das ist eine sehr idealistische Vorstellung, die ganz viele Leute nicht erfüllen. Es ist gut, dass du merkst, wann sie dir nicht gut tut, und du dich dann distanzierst. Es ist tatsächlich so, dass man sich die Familie nicht auswählen kann. Du scheinst aber einen guten Draht zu deinen Geschwistern und deinem Vater zu haben, konzentrier dich dann doch mehr auf die Familienmitglieder, die auch lieb zu dir sind und die dich so nehmen wie du bist. Liebe kann man nicht erzwingen und dass du eine Person, die nicht lieb ist zu dir nicht so magst und lieber etwas meidest, ist nur gesund. Du weisst, was du an ihr nicht magst und du bist selbst reflektiert und siehst die Fehler, die deine Mutter macht - nur weil sie deine Mutter ist, musst du also überhaupt nicht werden wie sie. Gewisse Leute erkennen Fehler in ihren Eltern, die sie nie machen möchten und entwickeln sich deshalb genau in eine andere Richtung. Man wird nicht einfach gleich wie die Eltern, du bist eine eigenständige Persönlichkeit, die sich selbst entwickeln kann und das, so wie du schreibst, auch sehr gut machst. 

Du schreibst, dass du eigentlich ein richtig gutes Leben hast, dir aber Sorgen machst, dass du zu viel in Tagträume versinkst. Alle Menschen brauchen irgend einen Rückzugsort, wie sie sich entspannen können und gewissen Realitäten entfliehen können. Die einen schauen sich Filme oder Serien an, andere machen Musik, oder wieder andere lesen, wie du. Exzessives Verhalten ist meistens nicht wahnsinnig gesund, egal worum es geht - aber du sagst ja selber, dass dir das gut tut und du ein gutes Leben hast. Das ist doch die Hauptsache. Es gibt hier keinen offiziellen Massstab, was richtig oder falsch ist, sei nicht so streng mit dir. Wenn du merkst, dass du zu sehr versinkst, dann mach wieder mal was mit Freunden ab, geh raus, unternimm etwas mit anderen Leuten. Das wird dich wieder etwas in die Realität zurück holen. 

Alles Gute

Claire

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