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Keine Privatsphäre

Meine Mutter ist Alkoholikerin. Ich habe kein eigenes Zimmer sowie Privatsphäre. Ich will natürlich das beste daraus machen, aber oft bekomme ich nichts hin. Ich würde gerne eine eigene Wohnung haben, doch ich befinde mich noch in der Lehre, das Geld würde nie reichen. Was kann ich tun?

Frage gestellt zu: Liebe, Sex und Freunde

Du hast ein Recht auf Privatsphäre, schaffe sie Dir auch ohne eigenes Zimmer

Lieber Stefan

Es ist stark, dass Du das beste versuchst daraus zu machen und ich bin sicher du bist mutiger und stärker als manch anderer Jugendlicher. Das Leben als Kind einer Alkoholikerin hat viele Schattenseiten und keine Privatsphäre zu haben, ist eine davon. Privatsphäre ist für Jugendliche und ihre Entwicklung sehr wichtig und ist in den Kinderrechten der UNO sogar der erste Punkt. Nur ein Recht zu haben, nützt alleine nicht, das ist klar. Ich will Dir damit aber den Rücken stärken und Dir sagen, dass Du im Recht bist mit deinem Wunsch. Was kannst Du also tun?

Falls es bei Dir zu Hause einigermassen möglich ist, über Probleme zu sprechen, dann ist dies sicher der erste Schritt. Für Eltern ist es oft schwierig einzuschätzen, wieviel Privatsphäre ihre Kinder brauchen. Viele sind erstaunt, wie schnell es ihren Kinder unangenehm ist und wie oft sie frustriert sind, weil sie sich eingeent fühlen. Versuche ganz ehrlich zu besprechen, wie Du Dich fühlst und was Du brauchst. Mache keine Anschuldigungen, sondern sprich über Dich. Sucht nach Kompromissen und vereinbart Grenzen. Das Kinderrecht kann Dir hier eine gute Grundlage zum Besprechen geben.

Ist das Gespräch mit Deiner Mutter oder Deiner Familie nicht möglich, musst Du ohne ihre Hilfe versuchen, Dir eine Privatsphäre zu schaffen. Ansonsten können folgende Vorschläge auch gemeinsam besprochen werden. Zum Beispiel ist es wichtig, auch ohne eigenes Zimmer aber doch einen eigenen Bereich zu haben. Eine Ecke eines Zimmers, die nur Dir gehört und wo Deine Sachen sind. Wo Du es Dir mit Dem Rücken zum gemeinsansamen Bereich die Kopfhörer aufsetzen kannst und auf Deine Deko an der Wand oder aus dem Fenster gucken kannst. Mit Musik aus Kopfhörern kann man sich gut im Geiste zurückziehen. Sozusagen Privatsphäre im Kopf, wenn nicht anderst möglich. Raumteiler wie kleine Stellwände, ein Vorhang oder ein Regal können helfen, ein Zimmer in Bereiche aufzuteilen. Hier kannst Du  Fantasie walten lassen. Ein Kästchen, das man abschliessen kann, wo die ganz privaten Sachen liegen, kann auch ein gutes und sicheres Gefühl geben. Auch ohne eigenes Zimmer, kannst Du ein "Bitte nicht stören" Schild irgendwo aufstellen, wenn Du wirklich mal eine halbe Stunde Zeit für Dich brauchst. Falls Du manchmal doch alleine in der Wohnung bist, dann mach ein Ritual daraus, indem Du die Zeit ganz bewusst für Dich nutzt.

Versuche Dir auch ausserhalb der Wohnung Privatsphäre zu schaffen. Suche Dir draussen in der Natur ein Ort, an dem Du Dich wohl fühlst und zu Deinem geheimen Rückzugsort machst. Auch hier kannst Du ein Ritual für Dich schaffen. Rituale geben einem Geborgenheit und Sicherheit. Vielleicht hast Du gute Freunde oder Verwandte, bei denen Du Dich mal zurückziehen kannst. Ein Freund, der weiss, dass Du das zu Hause nicht hast und Dich in seinem Zimmer etwas zur Ruhe kommen lässt. Ohne dass ihr gross was unternehmt und aktiv seid.

Ein ganz anderer Vorschlag wäre, dass Du dich beim Jugendamt oder Sozialamt Deiner Gegend meldest und Dich informierst, ob es für Jugendliche in Deiner Lage eine Möglichkeit gibt, in eine betreute WG oder ähnliches zu ziehen und zwar mit finanzieller Unterstützung.

Ich wünsche Dir weiterhin ganz viel Biss, um für Dich einzustehen und zu erreichen, was Du brauchst!

Liebe Grüsse

Mika