Kollegin wird vom Vater geschlagen

Meine Kollegin wird zuhause von ihrem (Adoptiv-)Vater geschlagen.Sie bekommt nicht "nur" Ohrfeigen, er hat ihr auch schon mehrmals mit der Faust gegen den Kiefer geschlagen.(blaue Flecken) Sie hat panische Angst davor irgendjemandem davon zu erzählen. Dass sie es mir gesagt hat empfinde ich als enormen Vertrauensbeweis. Dieses Vertrauen kann und will ich nicht missbrauchen und alleine zur Polizei gehen um Anzeige zu erstatten, denn das will sie nicht. Sie meint, die Polizei, das Jugendamt oder eine Beratungsstelle würde alles nur noch schlimmer machen. Zuhause wird sie richtig eingesperrt. Sie darf nie raus, obwohl sie schon 16 Jahre alt ist. Mit ihrem Vater zu sprechen traut sie sich nicht und sie will auch nicht, das ich mit ihm rede....

Ich bin in einer Zwickmühle. Zum einen will ich nicht, dass sie weiterhin geschlagen wird, zum anderen will ich sie nicht verlieren. Könnt ihr mir helfen?

Frage gestellt zu: Liebe, Sex und Freunde

Weiter auf Vertrauen setzen

Liebe Larsbell

Du schreibst richtig, du darfst das Vertrauen nicht missbrauchen. Deine Kollegin fühlt sich bedroht und wird niemals einfach so zur Polizei gehen. So schrecklich das klingen mag, aber das Beste, was du tun kannst, ist dies auszuhalten und zu warten, bis sie bereit ist wirklich einen Schritt zu machen. Dann musst du sie begleiten.

Ein nächster Schritt wäre mit den blauen Flecken zum Arzt zu gehen und ihn einen Bericht schreiben zu lassen. Gut ist auch, wenn du Fotos machen könntest, damit man die Verletzungen sieht. Der Arzt hat dann die Berechtigung die Kinderschutzgruppe einzuschalten. Das sind spezialisierte Fachleute, die immer dann angefordert werden, wenn Kinder in Gefahr sind. Dort wird sorgfältig geplant, was man machen kann um das Kind zu schützen ohne es der Wut des Vaters über den Verrat auszusetzen. Das kann bedeuten, dass der Vater zu einem Gespräch eingeladen wird und die Tochter in dieser Zeit an einem geheimen Ort übernachtet. Erst wenn der Vater garantiert, dass er sie nicht mehr schlägt, darf er sie wieder sehen.

Also baue das Vertrauensverhältnis zu deiner Kollegin aus. Erzähl ihr von den Möglichkeiten und mach ihr Mut, dass sie wirklich geschützt werden kann. Sag ihr auch, dass es Familie gibt, die nachher wieder zusammen leben können und die Gewalt aufhört. Ich weiss nicht, ob dies bei ihr so herauskommt, aber sie soll den Mut haben sich zu schützen, bevor sie ernsthaft verletzt wird. Das ist eben das Risiko vom Schweigen und Aushalten, dass die Gewalt immer stärker wird. Wenn du uns hier gefunden hast, findest du vielleicht auch eine Adresse einer Kinderschutzgruppe in deiner Nähe. Oft sind diese an ein Kinderspital angegliedert. ich wünsche dir die Kraft, deiner Kollegin beizustehen bis sie handelt und auch anschliessend.

Bettina

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