Möchte mich geliebt und geborgen fühlen

Hallo liebes Team,

Ich habe schon einmal eine Frage bei euch gestellt/meine Situation geschildert und fand den Rat von euch sehr sehr hilfreich. Deshalb dachte ich, ich würde mega gerne noch ein anderes Thema, welches bei mir momentan im Alltag recht präsent ist, ansprechen. Und zwar geht es darum, dass ich mich sehr einsam und ungeliebt fühle. Früher (Primarschule und frühe Oberstufe) war alles in Ordnung und ich war ein fröhlicher und optimistischer Mensch mit vielen Freunden und auch war ich sehr offen und kontaktfreudig. Doch dann kam die Pubertät und vieles veränderte sich. Das ist ja soweit eigentlich glaube ich auch normal. Aber parallel zur Puberät liessen sich meine Eltern scheiden. Das war für mich ein Schock - ich realisierte dies zum Moment der Scheidung (vor etwa drei Jahren) gar nicht, ich fühlte gar nichts, so "paralysiert" war ich wohl. Denn es ist so, dass ich ein Einzelkind bin und somit alleine mit der Situation umgehen musste. Auch haben meine Eltern unterschiedliche Nationalitäten: Mein Vater ist Schweizer und meine Mutter ist Asiatin.

Zu alledem zog mein Vater nach der Scheidung um - auf einen anderen Kontinent. Ich sehe in nur etwa alle 5-6 Wochen für etwa zwei Wochen. Schnell wurde mir auch bewusst, dass all die Geborgenheit und Sicherheit, welche ich früher erhalten und gespürt hatte mehrheitlich von meinem Vater aus gekommen waren. Er setzte mir klare Grenzen (erzieherisch), unterstützte mich moralisch und lehrte mich, was wichtig war im Leben. All dies ist mir jetzt bewusst - jetzt wo es weg ist.

Nun lebe ich ja mit meiner Mutter zusammen und ich fühle nichts. Mir kommt es oft so vor als interessiert sie sich gar nicht für mich. Ich weiss tief in meinem Herzen, dass sie mich liebt. Aber sie zeigt es mir nicht und ich spüre es nicht! Sie fragt mich nie wie es mir geht, sie gibt mir nie allgemeine Ratschläge und ich muss mit allem selber zurecht kommen. Ich habe keine Stütze, ich muss alles selber meistern. Wir haben keine Beziehung, wo ich mit meinen Anliegen zu meiner Mutter gehen kann und mich ihr anvertrauen kann. Einfach weil nichts von ihr zurückkommt. Meine Mutter kann ein sehr gefühlsvoller und warmer Mensch sein - mit anderen Vertrauten (wie beispielsweise ihre Freunde in ihrer Heimat), aber mit mir nicht. Wir kommunizieren fast gar nicht mehr. Ich fühle mich so "benachteiligt" gegenüber anderen und ich verschliesse mich immer, sobald mein Vater wieder abgereist ist. Ich wünschte einfach, dass ich mich wieder geliebt und geborgen und "in guten Händen" fühle, aber das bin ich nicht. Ich habe kein Vorbild, denn meine Mutter ist kein Vorbild mehr für mich.

- :(

Frage gestellt zu: Liebe, Sex und Freunde

Behandle dich selber so, als seist du dein bester Freund

Liebe Samira

Du hast eine schwierige Zeit mit Pubertät und der Scheidung hinter dir. All diese Veränderungen und vor allem der Umstand, dass dein Vater nicht mehr so für dich da ist wie du es bräuchtest, haben dich verunsichert und es ist verständlich, dass du dich einsam und nicht geborgen fühlst. Viele Jugendliche wenden sich in dieser Zeit mehr ihren Freunden zu als ihren Eltern, wenn sie Probleme haben. Auch wenn sie deinen Vater oder die gewünschte Aufmerksamkeit deiner Mutter nicht ersetzen, können Freunde einen Teil der Gefühle auffangen. Vielleicht kennst du auch jemanden, dessen Eltern geschieden sind und mit dem du darüber sprechen kannst. Es ist möglich, dass auch deine Mutter verunsichert ist, wie sie mit dieser neuen Situation - ohne deinen Vater und du als so gut wie erwachsene Person - umgehen soll. Auch sie ist das erste mal und alleine in dieser Situation. Geh ganz direkt auf sie zu und sag ihr klar, wenn du etwas brauchst ("Ich brauch einen Ratschlag. Folgendes:..") Jeder wünscht sich, dass die Leute um einen herum fühlen, was man braucht, und dass man nicht um Aufmerksamkeit betteln muss, doch wenn du es nicht bekommst, musst du aktiv werden und dir diese Aufmerksamkeit holen. Oder dir selber geben. Ich weiss, du hast genug davon, alles selber zu meistern, doch genau darin bist du auch gut. Sei also aufmerksam dir selber gegenüber und beginne damit, gut zu fühlen, was du brauchst und dir das auch zu geben. Einsamkeit überwindet man, in dem man als erstes beginnt, sich selber so zu behandeln, als wäre man sein eigener bester Freund. Wenn du dich magst und richtig gut behandelst, bist du weniger einsam. Denn wenn du dich verschliesst, deinen Bedürfnissen und auch den Menschen um dich herum gegenüber, wirst du nie zu dem kommen, was du brauchst. Öffne dich wieder, verschliess dich nicht, wenn dein Vater geht, sondern speichere das gute Gefühl, das er dir gibt und nimm es mit für die Zeit ohne ihn.

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