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Mein Freund ist religiös und ich nicht

Hallo liebes Kopfhoch-Team, 

mein Problem ist vielleicht gar kein wirkliches Problem, aber ich nehme es so wahr. Ich bin 19 Jahre alt und habe keine Religion. Meine Eltern, die zwar Religionen angehören, sie aber nicht ausüben, haben mich so erzogen, dass ich offen gegenüber allem bin außer Radikalität. Sie machen sich zum Beispiel über Menschen lustig, die regelmäßig in die Kirche gehen (und dennoch schlechte Menschen sind), und sie finden es genau wie ich überhaupt nicht gut, wenn Menschen versuchen, andere von ihrer Religion zu überzeugen.

Nun habe ich aber seit 8 Monaten einen Freund, der am Anfang unserer Beziehung auch nicht religiös war. Seine Eltern dagegen sind sehr streng katholisch und wollen, dass er auch in die katholische Kirche geht. Aber stattdessen hat er vor etwa 3 Monaten eine evangelische Jugendgruppe für sich entdeckt und geht dort jetzt regelmäßig hin (was seine Eltern natürlich nicht wissen dürfen).

Er verbringt 5 Tage die Woche mit Aktivitäten dieser Jugendgruppe und hat kaum noch Zeit für mich. Damit komme ich aber klar, denn auch ich brauche ein bisschen Freiraum. Dennoch habe ich in letzter Zeit das Gefühl, dass ihm Gott viel wichtiger ist als ich.

Ich kann nicht nachvollziehen, wie sich eine Bindung zu Gott anfühlt, aber ich sehe mich in meinem Status als das Wichtigste in seinem Leben bedroht - letztens hat er sogar gesagt, er denkt zwar oft an mich, aber noch öfter an Gott.

Außerdem versucht er, mich zu konvertieren, und meint, dass wir dann weniger Streit und Probleme hätten und außerdem beide in den Himmel kommen würden. Ich bin überzeugt davon, dass ich nicht in die Hölle komme, nur weil ich nicht an Gott glaube. Ich glaube, dass wir alle wiedergeboren werden. Aber wenn ich das sage, sagt er einfach nur "Nein". Er ist nicht offen für Diskussionen.

Es stört mich sehr, dass er plötzlich nur noch Gott im Kopf hat, und vor allem, dass er nicht anerkennt, dass das für mich nicht der richtige Weg ist.

Aber er lässt einfach nicht mit sich reden; er sagt immer nur "Gott ist für jeden der richtige Weg", streitet aber ab, dass er versuchen würde, mich zu konvertieren. 

Ich weiß nicht, was ich tun soll. Langsam macht er mir wirklich Angst.

LG

Erdbeermädchen

Frage gestellt zu: Liebe, Sex und Freunde

Dein Glauben ist genauso wichtig wie seiner

Liebes Erdbeermädchen

Ich finde, du bist eine sehr reflektierte junge Frau und hast eine gesunde, respektvolle Haltung gegenüber anderen Meinungen und Glauben. Auch bist du wirklich sehr tolerant gegenüber deinem Freund und stellst kaum Ansprüche an ihn. Ausser, dass er auch toleriert, was du glaubst und denkst. Und das ist auch richtig so. Niemand soll sich vorschreiben lassen, was er zu denken oder zu glauben hat. Es ist toll, dass du das nicht machst. Dass dein Freund im Gegenzug aber genau das von dir verlangt, auch wenn er es dann konkret abstreitet, ist sehr schwierig. Einerseits wenn er dir seine Meinung aufzwingen will, fehlt ihm der Respekt gegenüber deiner Meinung und Überzeugung, die genauso wichtig ist wie seine. Anderseits, hält er seinen Glauben für den einzig richtigen und lässt keine Diskussion zu. Das ist eine unglaublich schwierige Ausgangslage für eine vertrauensvolle Beziehung. Wenn man so grundverschiedene Glaubenssätze wie ihr beide habt, ist gegenseitige Akzeptanz das Wichtigste, um den anderen verstehen zu können. Manchmal kann man dann so etwas wie, er denkt mehr an Gott als an mich, immer noch nicht so richtig verstehen für sich selber, aber man kann es nachvollziehen bei jemand anderem. Wenn ihr aber nicht einmal über diese Themen diskutieren könnt, fehlt euch jegliche Grundlage dafür, euch gegenseitig überhaupt verstehen zu wollen.

Ich rate dir an, deinem Freund klar zu machen, dass du ihn wirklich verstehen willst, weil er dir wichtig ist und du gerne mit ihm über diese Themen sprechen willst. Du kannst ihm auch sagen, dass man nie in allem einer Meinung sein kann, aber um zu akzeptieren, dass man nicht gleicher Meinung sein muss, sollte man die andere Meinung immerhin kennen. Am allerwichtigsten ist dann aber, dass du für dich entscheidest, wie viele Kompromisse du in dieser Beziehung eingehen willst. Wie gesagt, deine Meinung und Überzeugungen sind genau gleich wichtig wie seine, und die haben den genau gleichen Respekt verdient wie seine. Lass dich nicht zu sehr einschränken, wenn er das nicht respektiert. 

Alles Gute,



Claire