© 2019  IOGT Schweiz

Alle Rechte vorbehalten

Mir wird alles zu viel

Ich bin seit Jahren depressiv. Meine Mutter ist Alkohol- & Drogenabhängig und hat mich und meine Geschwister geschlagen und vor allem mich psychisch fertig gemacht. Laut ihr bin ich das Schlimmste was ihr je passiert ist. Mein Vater, den ich sehr geliebt habe, ist an Krebs gestorben als ich gerade mal 14 war.

Ich bin eigentlich sehr intelligent, Schule viel mir immer leicht und ich hätte soviel erreichen und locker studieren können! Doch zu der Depression kommen psychosomatische Krankheiten und in den letzten Jahren hatte ich im Schnitt 300Fehlstunden pro Halbjahr. Im Moment mache ich eine schulische Ausbildung mit der ich meinen Realschulabschluß nach mache, ich schreibe nur Einsen, werde aber dennoch von der Schule fliegen wegen den Fehlzeiten und dann wieder ohne Abschluß und Perspektiven da stehen.

Ich habe schon viele Therapien gemacht und war auch schon in einer Klink, danach ging es mir jedoch jedes mal nur noch schlechter.

Das einzige was mir bisher geholfen hat, war mein Freund. Er hat mich praktisch vollkommen aus der Depression geholt und ich bin vor 2 Jahren, mit gerade mal 17, von zuhause aus und mit ihm zusammen gezogen. Doch nun ist unsere Beziehung am Ende. Ich liebe ihn noch immer über alles und sehne mich nach seiner Nähe, wünschte mir so sehr es würde funktionieren! Doch gleichzeitig merke ich, dass mich diese Beziehung vollständig kaputt macht. Ich ertrage die Streitereien nicht mehr und die Frage, ob er mich überhaupt noch liebt. Das Gefühl, dass der einzige Mensch, der mich wirklich über alles geliebt hat, so wie ich bin, mich nicht mehr liebt, ist unerträglich. Er kennt mich besser als jeder andere und liebt mich nicht mehr, einst gab er mir als 1. das Gefühl wirklich liebenswert zu sein und heute hasse ich mich so dafür, dass ich es geschafft habe, diese Liebe so zu zerstören. Nicht durch bestimmte Taten. Sondern einfach dadurch, dass ich bin wie ich bin. Nicht liebenswert. Ich möchte ihn verlassen. Doch was dann? Ich weiß nicht wohin, nicht wies weiter gehen soll. Ich habe doch dann nichts mehr.

Ich habe das Gefühl, mir selbst mein ganzes Leben versaut zu haben. Das Gefühl schon alles versucht zu haben und nicht mehr die Kraft zu haben, an was Neuem fest zu halten.

Frage gestellt zu: Liebe, Sex und Freunde

Hab Vertrauen zu dir

Liebes Mädchen

Es ist gut verständlich, dass dir alles zu viel wird. Eine zerbrochene Liebe ist schwer zu ertragen und du trägst durch deine Lebenserfahrung noch viel mehr mit dir rum. Er war ein grosse Stütze und konnte dir viel Selbstvertrauen geben, dadurch dass er dir das Gefühl gab, liebenswert zu sein. Doch auch wenn er dich nicht mehr liebt, bedeutet das nicht, dass du nicht liebenswert bist. Beziehungen können zu Ende gehen, in deinem Alter vermutlich öfter als später, das heisst nicht, dass du als Mensch versagt hast, es heisst einfach, dass es zwischen euch nicht mehr funktioniert.

Denn wenn ich deinen Text lese, habe ich den Eindruck einer starken Person, die intelligent ist und ihren Weg geht. Durch die Depressionen und das nahe Beziehungsende verfällst du jetzt in Zweifel über dich selber, doch das sind Gedanken, die in so einer Situation normal sind, das heisst nicht, dass es wahr ist. Dadurch, dass du schreibst, dass dein Freund dich aus den Depressionen herausgeholt, erkennt man, dass die Depression nicht einfach aus deinem Inneren herauskommt, sondern davon abhängig ist, wie du deine Umwelt siehst und wie sie dich behandelt. Das ist nicht bei jeder Depression so. Du musst jetzt fest darauf achten, dass du dir viel Gutes gönnst und dass du dich selber gut behandelst. Denn du bist liebenswert und man kann nicht nur von anderen gut behandelt und lieb gehabt werden, sondern auch von sich selber. Beginne dir Kontakte neben deinem Freund/Exfreund aufzubauen, achte auf Leute, die dir gut tun und dir ein Gutes Gefühl geben. Was ist mit deinen Geschwister? Auch wenn deine Mutter nicht für da war und dein Vater nicht mehr für dich da ist, deine Geschwister sind deine Familie und können dir auch Kraft geben.

Im Moment musst du Vieles auf einmal bewältigen. Geh die Dinge Schritt für Schritt an, überleg dir, was jetzt am Wichtigsten ist. Mach dir einen Plan für die nächste Zeit. Wenn du kannst, setze alles daran einen Abschluss machen zu können. Sprich dafür mit den Leuten und zeige Ihnen, dass du es wirklich willst. Auch wenn es dir nach den Therapien schlechter ging, vielleicht gab es den einen oder anderen Trick oder Tip, der dir doch geholfen hat und an den du dich erinnern kannst. 

Und nochmals, schau ganz gut zu dir und gönne dir jeden Tag Dinge, die du geniesst. Du hast schon oft gezeigt, wie viel Kraft in dir steckt, hab Vertrauen zu dir. Lieber Gruss, Kim