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Sehe die Welt nur noch in Grautönen

Ich sehe die Welt nur noch in Grautönen und ich kann mich nicht mehr erinnern, dass es irgendwann mal anders war. 24 Stunden am Tag bin ich traurig, habe Angst, hasse mich selbst und will sterben. Es kommt eigentlich selten vor, dass ich an etwas anderes denke, außer wenn ich bei meiner besten Freundin bin. Sie bringt mich zum Lachen und gibt mir das Gefühl, etwas wert zu sein. Aber trotz der guten Momente mit ihr und anderer Dinge, die in meinem Leben gut laufen, bin ich immer nur traurig. Nach einer lustigen Party fange ich schon auf dem Heimweg wieder an zu heulen. Wenn ich einen schönen Tag mit netten Leuten verbracht habe, sitze ich am Abend trotzdem alleine in meinem Zimmer und denke zu viel nach. Wenn man mies drauf ist, raten einem alle, ein Buch zu führen, in dem man alles aufschreiben soll, was einen glücklich macht. Und da ist was Wahres dran: Wenn ich in meinen schlimmsten Momenten an meine beste Freundin oder an Himbeeren mit Vanilleeis denke, wird der Todeswunsch zumindest ein bisschen kleiner. Aber es soll ja nicht der Sinn der Sache sein, jemanden vom Sterben abzuhalten, sondern sein Leben zu verbessern. Wenn man am Leben bleiben muss, obwohl es ein beschissenes Leben ist, ist das nichts als Folter.

Und der Grund, warum solche Auflistungen von "schönen Dingen im Leben" meinem verzweifelten Ich nicht helfen, ist, weil ich meine Traurigkeit nicht mehr mit Glück kompensieren kann. Für einen Moment geht es mir zwar wirklich gut, wenn was Schönes passiert, aber danach geht es mir wieder genauso schlecht wie vorher. Es ist, als wären das glückliche und das traurige Ich zwei verschiedene Menschen, zwischen denen eine Mauer steht. Ihre Stimmungen wirken sich nicht aufeinander aus.

Ich hab keine Ahnung, was ich machen soll. Zum Psychologen will ich nicht, weil meine Eltern nichts davon wissen und das auch nicht verstehen würden.

Frage gestellt zu: Liebe, Sex und Freunde

Gib deiner Welt wieder Farbe

Liebe Anonym

Du bist sehr selbstreflektiert und kannst sehr bildlich beschreiben, was in dir vorgeht. Das ist eine grosse Stärke. Du hast auch eine gute Freundin, die für dich da ist und dir ein gutes Gefühl gibt und gewisse Momente, in denen es dir gut geht. Versuche mehr solche Momente oder Aktivitäten zu finden, die dir gut tun. Treibst du zum Beispiel Sport? Bewegung ist gut für den Antrieb und verbessert die Stimmung. Spazieren, Joggen oder Fahrradfahren sind zum Beispiel sehr gut, da du an der frischen Luft bist und draussen mehr Licht hast. Aber auch andere Sportarten könnten dir gut tun, z.B. Tanzen, eine Kampfsportart, Aerobic und so weiter. Du bist unter Leuten und hast nicht so viel Zeit zum Nachdenken. Ausserdem ist Sport auch gut für das Selbstwertgefühl, da man merkt, dass man etwas bewirken kann. Was tut dir sonst noch gut oder macht dir Spass? Würdest du gerne ein Instrument spielen oder singen? Zeichnest du gerne? Ich finde du kannst sehr gut schreiben, vielleicht würde es dir Spass machen, Kurzgeschichten oder Gedichte zu schreiben? Finde heraus, was dir Spass macht und was dir gut tut und deiner Welt Farbe gibt. Wenn es dir schlecht geht und du traurig bist und deine Gedanken kreisen, stell dir Fragen wie „Was würde mir jetzt gut tun?“, „Wer könnte mir jetzt helfen?“  oder auch „Was würde meine fröhliche Seite tun?“.Wenn du das Gefühl hast, ein Psychologe würde dir gut tun, dann würde ich es trotzdem mal probieren. Die genauen Gründe für deinen Besuch müsstest du deinen Eltern ja nicht erzählen, wenn du nicht magst. 

Den Blick mehr auf das Positive zu lenken ist bestimmt hilfreich, mit dem Ziel, deine Sicht aufs Leben zu verbessern. Manchmal verliert man den Blick für die schönen Dinge am Leben und solche Listen, wie du sie beschreibst, können einem wieder in Erinnerung rufen, dass das Leben auch schöne Seiten. Das hast du ja bereits gemerkt. Anstatt einer solchen Auflistung könntest du mal am Morgen 10 kleine Steinchen in die linke Hosentasche nehmen. Immer wenn dir im Verlauf des Tages etwas schönes passiert - sei es das Zulächeln einer fremden Person, die warme Sonne auf deiner Haut, ein leckeres Dessert oder auch ein gutes Gespräch mit deiner Freundin – nimmst du einen Stein und steckst ihn in die rechte Hosentasche. Am Abend zählst du dann, wie viele Steinchen bzw. positive Erlebnisse du an einem Tag hattest und versuchst dich daran zu erinnern, was es war. Das kannst du dann auch aufschreiben wenn du magst. Hier geht es nicht darum, Traurigkeit durch Glück zu kompensieren, obwohl das vielleicht am Anfang so wirkt, sondern es geht darum, dass du lernst, mehr auf positive, schöne Ereignisse und Dinge zu achten. Menschen haben zum Teil die Tendenz, sehr stark auf das Negative zu fokussieren und solche Sachen bleiben einem auch mehr im Gedächtnis hängen, während man kleine, schöne Sachen schnell wieder vergessen hat. Aber durch eine solche Strategie lernst du, anfangs vielleicht etwas künstlich, deinen Blick aufs Leben zu verändern und wenn du das regelmässig machst, wird es zur Gewohnheit und du achtest generell mehr auf gute Erlebnisse. Probiere es mal - vielleicht kannst du so die Mauer zwischen deinem traurigen und deinem glücklichen Ich immer ein bisschen mehr einreissen und die zwei Seiten wieder mehr vereinen.

Rebecca