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Trauer nicht zulassen

hallo kim

danke für deine antwort auf meinen ersten notanker (leben ohne ihn). leider geht es mir tag für tag schlechter, da ferien sind und ich keine ablenkung finde. und meine gedanken immer darum kreisen, was ich alles noch mit meinem freund vorhatte (z.b. weltreise in den sommerferien).

ich konnte die trauer nie wirklich zulassen, da mir schon als kleinkind "beigebracht" wurde, gefühle zu unterdrücken. nach dem tod meines freundes fing ich dann auch wieder an zu ritzen...was bis heute anhält. es gab auch eine phase in welcher ich zum alkohol griff, um alles zu vergessen. leider bringt beides nichts diesen schmerz zu lindern und die lücke zu schliessen.

ich versuchte mehrere rituale aus, um mich verabschieden zu können, aber irgendwie half mir nichts! es gab oder gibt ab und zu auch momente, in welchen ich denke, dass er jeden moment zur türe reinkommt und sagt, dass er endlich wieder von seinem auslandaufenthalt zurück ist...

seit er nicht mehr ist, geht alles den bach ab. ich muss immer noch zu hause wohnen und habe dieses jahr die promotion im gymnasium nicht geschafft, weil ich einfach keine kraft mehr ohne ihn habe. mit meiner familie kann ich leider nicht darüber reden, da sie gegen unsere "verbindung" waren und mir den umgang verboten. aber unsere liebe war stärker! und meine engeren freunde können es halt nicht wirklich nachvollziehen, wie ich mich fühle.

weil ich nicht promoviert bin, fiel ich in ein ziemliches loch und das ritzen wurde noch schlimmer. da mir die unterstüztung von meinem freund fehlte, holte ich mir hilfe bei einem therapeuten und dieser meint, dass ich in einer depression stecke. das ist auch nicht wirklich einfach zu akzeptieren.

ach ja das mit der selbsthilfegruppe ist so eine sache, in meiner stadt gibt es das nicht, was dieses thema betrifft... da momentan auch noch meine besten freunde alle verreist sind, fühle ich mich noch einsamer. am liebsten würde ich jetzt einfach meinem freund in den tod folgen! es wäre das einfachste für mich... lg sad soul

Frage gestellt zu: Liebe, Sex und Freunde

Trauer braucht Zeit

Liebe sad soul

Trauer ist etwas schweres und persönliches. Jeder trauert auf seine Art und Weise. Doch es gehört zum Leben und ist eine wichtige und natürlich Reaktion auf schlimme Ereignisse. Du musst es zulassen, denn so hast du die Möglichkeit, gesund Abschied zu nehmen. Und es kann lange dauern.

Ich finde es gut, bist du zu einem Therapeuten. Denn alleine kommst du nicht klar, du brauchst Hilfe. Vielleicht hast du eine Depression als Reaktion auf den Tod deines Freundes entwickelt. Das geschieht vielen Trauernden. Vielleicht gibt es aber noch mehr Sachen in deinem Leben, die nicht in Ordnung sind oder früher in der Kindheit nicht Ordnung waren und durch die Trauer ist alles irgendwie zusammen- und hochgekommen. Wenn du eine Depression oder ähnliches entwickelt hast, solltest du das behandeln lassen. Eine Diagnose wird gestellt, um das Problem zu behandeln, du schreibst aber nur dass deine Therapeut sagte, du steckst in einer Depression. Lasse dich behandeln von diesem Therapeuten oder einem anderen, wichtig ist, dass du ihm oder ihr vertraust. Akzeptiere die Depression als etwas das deiner Einsamkeit und deiner Traurigkeit einen Namen gibt, einen Sinn gibt, denn es bedeutet, dass das nicht einfach DU bist, sondern dass im Moment in dir drin etwas aus dem Gleichgewicht geraten ist, dass aber geheilt werden kann. 

Vielleicht hiflt es dir, wenn du die Pläne, die du mit deinem Freund hattest, trotzdem umsetzt oder planst. Was würde er wollen? Nicht alles wird machbar sein, aber vielleicht findest du auf diese Weise etwas Ablenkung und Ruhe.

Lieber Gruss, Kim