auf der Intensivstation

Hallo. Folgendes beschäftigt mich. Meine Mutter war vor ca. 2 Monaten im Spital, irgend eine vireale Entzündung. Sie lag 3 Tage auf der Intensivstation. 2 Tage wussten wir nicht, ob Sie wieder gesund wird. Es war die schwerste Zeit, welche ich je erlebte. Mein Vater hatte ganz verweinte Augen. Noch nie habe ich so erlebt, es brach mir fast das Herz. Das tat mir am meisten weh. Und ich glaube, ich kam den Gefühl nahe, wie es sich anfühlen muss, wenn man einen lieben Menschen verliert. Nun, jetzt ist ja alles wieder gut. Doch ich bin wie nicht darüber hinweg. Wenn ich zurückdenke, kommen mir die Tränen. Wir zeigen einander keine Gefühle. Also ich weine nie vor meinen Eltern. Oder erzähle, wie es mir wirklich geht. Ich habe meiner Mutter einen Brief geschrieben, das Sie lesen konnte, wie ich diese Zeit erlebt habe. Aber wir redeten nie darüber. Ich denke seit da auch viel mehr an den Tod. Wie kann ich dieses Erlebnis verarbeiten. Danke für eure Hilfe!

Frage gestellt zu: Liebe, Sex und Freunde

Sich mitteilen

Hallo Nadine

Du hast es ganz treffend beschrieben: wenn man miterlebt wie ein geliebter Mensch auf der Intensivstation liegt, ist das eine schwere und auch prägende Zeit: Da ist die Sorge wie es weiter geht; ist die Angst jemanden zu verlieren; der Kummer jemanden leiden zu sehen; die Furcht, dass es nicht mehr so sein wird wie früher. Das Beklemmendste dabei ist jedoch das Schweigen. Denn all dieses Eindrücke für sich behalten zu müssen, kostet ungemein Energie und belastet einen sehr. Behält man sie zurück, fressen sie sich in einen hinein und zermürben einen schliesslich. Hilfreich ist es, das Erlebte mitzuteilen - das kann bedeuten dass man darüber mit anderen spricht oder auch - so wie du es bis jetzt gemacht hast - darüber schreibt. Sich mitteilen ist hilfreich bei der Verarbeitung des Erlebten. Mitteilen bedeutet aber auch, das Geschehene mit anderen zu teilen um sich damit entlasten zu können. Und was auch noch ganz wichtig ist: Mitteilen verbindet untereinander und lässt einen nicht mehr allein dastehen.

Oft haben Menschen in solchen Situationen Angst sich mitzuteilen, weil sie befürchten, dass sie von den Gefühlen überschwemmt werden und ihre Fassung verlieren könnten. Aber auch, dass sie mit ihren Gefühlen die anderen überfordern und diese sich dann von ihnen zurückziehen. Die Erfahrung zeigt jedoch, dass ein Austausch der erlebten Gefühle und Eindrücke erleichternd ist. Denn jeder Mensch nimmt Situationen auf seine ganz eigene Art wahr und macht sich daraus seine eigenen Gefühle. Die Tränen deines Vaters können für dich eine andere Bedeutung haben als für deine Mutter. Hier ist es wichtig von sich zu sprechen und deine Eltern behutsam zu fragen, wie sie die Situation erlebt haben.

Vielleicht brauchen deine Eltern auch noch etwas Zeit um Worte zu finden. Wichtig ist, dass ihr euch signalisiert, dass ihr füreinander da seid und wieder beieinander seid. So könntet ihr zusammen etwas unternehmen: Ins Cafe gehen, einen gemeinsamen Spaziergang machen, oder etwas was ihr schon früher immer gerne miteinander unternommen habt. Das kann auch ohne viel Worte abgehen, dennoch zeigt ihr einander wie nahe ihr euch steht. Und dann ist Darüber-Reden immer noch möglich. Nimm dir diese Zeit.

Karin

© 2019  IOGT Schweiz

Alle Rechte vorbehalten