im Schatten der anderen

Hallo. Ich habe folgendes Problem. Ich bin das jüngste von 3 Kindern. Meine Geschwister sind nahe beieinander vom Alter her, ich 5 Jahre später. Also ich 17 war, bekam mein Bruder sein erstes Kind. Mittlerweile hat er vier. Mein Problem ist, das ich von meiner Familie das Gefühl habe, nicht ernst genommen zu werden. Es geht immer nur um die Enkel. Ich war mit 17 noch nicht erwachsen, ich hätte meine Eltern noch länger gebraucht. Aber von da an, kam ich immer nach den Enkelkindern. Schulabschluss, Autoprüfung, alles so nebenbei gemacht, aber nie die Anerkennung erhalten. Die Enkelkinder werden dauernd gelobt, aber ich nicht. Man geht an Sportveranstaltungen, Musikvorführungen und Schulbesuche, bei mir sind sie nie schauen kommen. Mittlerweile wohne ich seit längerem mit meinem Freund zusammen. Doch ich bräuchte meine Eltern manchmal auch noch. Doch wenn ich anrufe, dann redet meine Mutter nur von den Enkeln, danach weiss ich oft nicht mehr, warum ich angerufen habe. Ich zweifle manchmal an mir, ob mein Leben überhaupt lebenswert ist oder ob ich nur ein Störfaktor bin. Meine Mutter machte mir im Alkohol Vorwürfe, von wegen es ginge alles nach mir, seit ich 10 sei. Ich sei auch die erste aller Kinder, die Alkohol trinke, wenn wir ein Fest haben. Aber warum soll ich auf Alkohol verzichten, sie hat ja ein Problem, nicht ich!? Und dass ich mit 15 meinen ersten Freund hatte, warf Sie mir auch vor. Dabei hatte meine Schwester mit 16 ihren ersten Ferund. Was macht ein Jahr Unterschied? Ich fühle mich nicht angenommen, so wie ich bin. Ich bin sehr sportlich und habe einige Sportarten betrieben, sie sehen das aber eher negativ, weil ich nicht immer im gleichen Verein geblieben bin. Von wegen, ich soll meine Wurzeln finden. Dabei liebe ich einfach viele Sportarten und bin glaub auch ein wenig talentiert. Doch hatte ich früher immer das Gefühl, nur wenn ich Weltmeister wäre, würden Sie mich loben. Mir kam es vor, wenn ich etwas nicht so wie meine Geschwister gemacht habe, hat man das nicht akzeptiert. Ich habe mal Fotos an meine Zimmertüre geklebt, meine Mutter hat dann gesagt, meine Geschwister hätten das auch nicht gemacht. Ich habe dann alle runtergerissen und in den Abfall geschmissen. Sie hat es dann wieder aus dem Papierkorb genommen. An allen Seiten wurde an mir gezogen. So dass ich heute manchmal nicht weiss, wie ich sein soll. Sie kritisierten auch dauernd meine Figur. Dabei bin ich gar nicht dick. Meine Schwester ist halt sehr dünn, darum habe ich immer die Nr. 2 auf dem Rücken. Dazu mein Problem, das ich mich nicht wehren kann, weil ich das nie gelernt habe. Ich habe gelernt zu gehorchen. Aber ich zerbreche, wenn ich immer alles in mich hineinfresse. Und doch konnte ich noch nie über meinen Schatten springen.

Frage gestellt zu: Liebe, Sex und Freunde

dich selber sein

Hallo Katja

Es freut mich, dass du beschlossen hast, nicht länger alles in dich hinein zu fressen. Es ist ein erster Schritt auf dem Weg, dir selber treu zu sein und zu deinem Wesen und deinen Bedürfnissen zu stehen. Auch wenn es deine Eltern leider nicht wahrnehmen können, bist du genau soviel Wert wie deine Geschwister oder die Enkelkinder. Leider kommt es immer wieder vor, dass Eltern ein Kind dem anderen vorziehen, ohne über ihr Verhalten nachzudenken. Wahrscheinlich ist es ihnen nicht einmal bewusst, dass sie dies tun. Deshalb ist es auch schwierig, sie darauf anzusprechen. Das macht es für dich sicher nicht einfacher und ist total ungerecht.

Ich könnte mir vorstellen, dass von dir als drittes Kind erwartet wurde, dass du genau gleich sein solltest wie die zwei Älteren. Aber du bist eine eigenständige Persönlichkeit geworden (zum Glück) und wusstest möglicherweise schon von klein an, was du wolltest und was nicht. Das hatte in deiner Familie offenbar nicht Platz; deshalb wirft dir jetzt deine Mutter vor, es sei schon, seit du 10 Jahre warst, alles nach dir gegangen.

Es ist hart die Nummer zwei zu sein oder sogar erst nach den Enkeln zu kommen. Du willst auch gesehen werden - schliesslich hast du ein Recht darauf! Ich verstehe das sehr gut. Leider denke ich, dass sich deine Eltern nicht verändern werden. Solche eingespielten Muster lassen sich nur schwer durchbrechen. Die Anerkennung, die du suchst, darfst du wohl nicht von deinen Eltern erwarten. Das ist traurig und mit dieser Trauer musst du irgendwie zurecht kommen. Ich denke auch, dass dich dieses Thema noch eine Weile begleiten wird.

Aber das heisst nicht, dass du jetzt tatenlos sein sollst. Anerkennung kann man auch von anderen Menschen bekommen und geniessen! Dein Freund findet dich bestimmt eine ganz besondere Frau, sonst würde er nicht mit dir zusammen leben wollen. Bewege dich in einem Umfeld, wo man dich so liebt, wie du bist und wo es keine Rolle spielt, wer von den Schwestern dünner ist und wer wann den ersten Freund hatte. Deine Eltern beschäftigen sich nur mit Nebenesächlichem, wenn sie über solche Dinge reden müssen.

Du kannst dir auch selber Anerkennung geben. Nämlich dafür, dass du nicht mehr länger alles in dich hineinfrisst und dir Gedanken zu deinem Problem machst, damit du zukünftig weniger darunter leiden wirst. Das ist doch echt stark, oder? Bleibe nicht im Schatten der anderen, auch wenn sie dies gerne hätten. Werde dich selber und setze dich auch für dich ein. Vielleicht gelingt es dir beim nächsten Telefongespräch, freundlich aber bestimmt das Thema von den Enkeln auf dich zu lenken...

Ich wünsche dir viel Power!

Liebe Grüsse

Larissa