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zwischen den Welten

Liebes Kopfhoch.ch Team,

Mein Name ist Emine, bin 17 Jahre alt. Vielleicht bin ich ja schon zu alt für Ihre Seite, aber ich bin sehr verzweifelt und sehe das nur noch als letzte Hilfe. Meine Eltern sind getrennt, schon seit knapp 4 Jahren. War nicht gerade berauschend, aber wohl das beste, weil sie sich eh ständig gestritten haben. Dann kam mein Stiefvater in mein Leben. Es hat sich alles von Grund auf verändert. Meine Mutter leidet an schweren Depressionen, durch die Gesichtslähmung, die sie damals bekam. Ihre Laune lässt sie ständig an uns raus. Mit uns meine ich meine Schwester und ich. Wir würden nichts im Haushalt machen, ihn nicht respektieren und tolerieren. Damit meint sie die ganze Situation, die zu Hause herrscht. Ich rede mit ihm seit 2 Jahren schon nicht mehr, weil ich einfach der Meinung bin, es ist die Beste Lösung meine Ignoranz ihm gegenüber zu zeigen. Ich bin sehr oft offen zu ihm und meiner Mutter hingegangen um mit den beiden über unsere familiären Probleme zu reden. Was ziemlich absurd ist, ist der Rollentausch in unserer Familie. Meine Mutter wird an manchen Tagen so albern, wie ein kleines Kind. Das ist unmöglich zu beschreiben. Dann kommen wieder so Tage, wo sie alles an uns rauslässt, auch wenn sie es nicht will. Mein Stiefvater hat sie so unter Korntrolle, dass sie schon nicht mehr ihre eigene Meinung durchsetzten kann oder sogar nur sagen kann. Er hat uns alle total unter Kontrolle, sprich meine "Rechte" unterdrückt er sozusagen. Einfach alles. Ich werde wie eine 10 jährige behandelt, und sogar meine 12 Jährige Schwester "darf" mehr als ich. Meine Mutter versucht mich zwar zu beschützen, aber nie kann sie sich ihm gegenüber durchsetzten. Es ist schon so vieles passiert. Unglaublich viel. Ich kann das alles unmöglich auflisten. Vielleicht wäre es hilfreich, je mehr ich erzähle. Aber ich kann es einfach nicht zum Punkt bringen. Immer wieder holt mich die Angst ein. Ich werde den ganzen Tag für all die Sachen zu Hause beschuldigt und verantwortlich gemacht. Egal, was ist, Emine war es. Ich soll häuslich sein und wie ein normales türkisches Mädchen mich benehmen. Meine Mutter meint sogar zu mir selber, dass sie mir zu viele Rechte gegeben hat, und dass ich dankbar sein soll. Ich wäre zu "frei". Ich solle zu Hause sein und Gebete lernen. Nur frage ich mich in letzter Zeit sehr oft, ob Religion nicht dazu da ist, dass man sich frei dadurch fühlt und nicht eingefangen. Wo bleibt hier die Gerechtigkeit? Ich habe mich schon oft hingesetzt und "philosophiert", leider hat es nichts an der Sache verändert. Meine Mutter hält mich für alles zu jung. Ich darf mich nicht selbstständig machen. Rein gar nichts. Ich möchte nicht von mir aus behaupten, dass ich reifer als ander Jugendliche in meinem Alter bin oder sonst was. Das würde zu eingebildet und arrogant klingen. Aber schon allein wie ich mich zu benehmen habe und sonst was, zeigt mir wiederrum, dass das kein Mädchen mit 17 Jahren von sich aus behaupten würde. Ich möchte so gerne mit der Schule weitermachen. Ich möchte so viel lernen. Aber das alles wird nacheinander alles zerstört. Ich bin auf dem Stadtgymnasium angemeldet. Meine Mutter hat mich schon so oft aus der Wohnung rausgeschmissen und mein Stiefvater erst. Er hat mich 2 Mal heftig angepackt. 1. Mal hat er mich gegen meinen Schrank geschubst, ich wäre fast mit meinem Genick an die Kante gekommen. Ich hatte sehr viel Glück. 2. Als ich von zu Hause abgehauen bin für ein Tag, und morgens wieder zurückgekommen bin, hat er mich an den Haaren gezogen und den Monitor von meiner Schwester mit einer Hand auf den Boden geworfen. Ich saß zitternd in meinem Zimmer. Ich hatte Todesängste und Panik. Mein Freund konnte mir nicht helfen. Keiner. Meine Mutter kam später zu mir und meinte, dass er es nicht so meinte und keine Ahnung was. Es war unglaublich. Sie saß mich da zittern und behauptete noch so etwas. Ich könnte vor Wut weinen. Ich lasse das alles noch Revu passieren. Und ich merke ich gerate wieder in Panik. Seit 2 Monaten ist es extrem. Seitdem ich einen Freund habe. Ich habe noch nie eine Person so sehr geliebt. Wir wollen uns demnächst auch verloben. Meine ganze Familie stellt sich dagegen quer, und ihren Segen habe ich nicht. Sie wollen ihn nicht akzeptieren. Sie erwarten, dass ich ihn verlasse und mir einen Moslem suche. Ich möchte aber nicht, sie wollen mich teilweise in die Türkei schicken. Haben mir gedroht mich zu meinem Vater zu schicken. Nach Bielefeld. Dort habe ich überhaupt keine Zukunft. Schulisch würde ich mich total verschlechtern. Ich wollte mich voll und ganz auf meine Schule konzentrieren. Schule ist mein Leben. Schule ist zwar nicht alles, aber ohne Schule ist alles nichts. Ich möchte mein Abitur bekommen. Und ich werde es auch. Nur bin ich im Moment, was heißt im Moment, eigentlich schon seit JAhren verzweifelt, habe ´nie um Hilfe gebeten. Habe nur an Gott vertraut, aber irgendwie werde ich im Moment im Stich gelassen. Ich spüre es. Ich spüre den Schmerz in mir, das sich in mir ausbreitet. Schmerzen der Traurigkeit, der Hilflosigkeit. Ich brauche Hilfe. Ich hätte nie gedacht, dass es mal so schwer kommen würde. Wollte sogar zum Jugendamt. Aber ich weiß nicht, wer mir hier helfen kann. Ich warte eigentlich nur noch auf meinen 18. Geburtstag. Dann kann ich endlich frei leben, wie ich möchte, und meine Entscheidungen treffen.

Ich hoffe Sie können mir einen Rat geben, denn ich bin auf Ihre Hilfe angewiesen. Ich bedanke mich im vorraus!

Emine..

Frage gestellt zu: Liebe, Sex und Freunde

du musst dir Hilfe holen

Liebe Emine

da kommen wirklich eine ganze Menge Probleme zusammen und ich verstehe, dass du verzweifelt bist!

Ich versuche mal ein bisschen, auseinander zu nehmen und zu ordnen, weil es Probleme auf ganz verschiedenen Ebenen sind. Auf der einen Seite sind es Probleme, die mit  dem Erwachsenwerden und der Auseinandersetzung mit den Eltern zu tun haben. Dann kommt dazu, dass du dich mit einem Stiefvater nicht verträgst. Und das Ganze geschieht auf dem Hintergrund, dass deine Mutter psysche Probleme hat und deine Familie aus einem anderen Land und einer anderen Kultur stammt.



Der Hintergrund - und wie ich meine, das wichtigste Problem - ist, dass deine Familie aus einem anderen Land und einer anderen Kultur, Religion stammt. Deine Eltern wollen dir wahrscheinlich "traditionelle Werte" vermitteln und merken, dass das nicht zu diesem Leben hier passt. Sie stehen zwischen den Kulturen, haben Angst um dich und verbieten dann ganz viel. Vielleicht darfst du darum "weniger" als deine kleine Schwester, weil diese noch nicht im Alter ist, wo sie sich in einen Jungen verlieben könnte? Du schreibst ja auch, dass es vor allem so schlimm ist, seit du verliebt bist in einen nicht-muslimischen Jungen.

Ich kann dir kaum Tips geben, wie du einen Alltag mit diesem Hintergrund am besten meisterst. Aber ich empfehle dir ganz fest, dass du dir da Hilfe holst. Frage auf dem Jugendamt nach einer Beratungsstelle für Menschen/Familien aus der Türkei.  Diese Stellen werden von TürkInnen geführt und es geht da genau um das Problem, das du hast. Der Vorteil ist, dass die BeraterInnen wissen, wie es ist, als TürkIn in Deutschland zu leben und Familie zu haben. Sie könnten sicher auch deine Mutter beraten - und diese würde sich vielleicht auch helfen lassen, weil es Menschen aus der gleichen Kultur/Religion sind.

Du schreibst auch, dass deine Mutter schwere Depressionen hat und manchmal ausrastet. Vielleicht ist deine Mutter psychisch krank - und nur schon das, ohne die anderen Probleme, ist für eine Tochter ganz schwierig auszuhalten. Es führt oft dazu, dass sich die Rollen umkehren, so wie du auch geschrieben hast. Und vielleicht auch dazu, dass sie sich nicht mehr durchsetzen kann gegenüber deinem Stiefvater und dich nicht mehr beschützen kann.

Beide Sachen führen dazu, dass die "ganz normalen Auseinandersetzungen" mit den Eltern, die einfach stattfinden, wenn man erwachsen wird, zu riesigen Problemen mit Schweigen, Lügen, Schlägereien, usw. werden. Deine Mutter möchte dich wahrscheinlich aus lauter Angst um dich - und nicht als Bestrafung - in die Türkei zurück schicken!

Bitte melde dich bei einer solchen Beratungsstelle, dass sie dir und deiner Mutter und vielleicht sogar deinem Stiefvater helfen können, wieder miteinander zu reden. Melde dich, wenn ich dir bei der Suche helfen kann oder wenn du wieder ein offenes Ohr brauchst!

Kopfhoch!