traurig und wütend

Ich fühle mich zu Hause einfach nicht mehr wohl. Mein Vater lebt nicht mehr bei uns, unsere Eltern haben sich getrennt. Seither trinkt meine Mutter sehr oft. Am Morgen wenn ich zur Schule gehe, schläft sie ihren Rausch aus. Am Mittag wenn ich nach Hause komme, gibt es nichts zu Mittag essen und wenn ich etwas sage, dann flucht sie sowieso in der Gegend herum. Ich kann kein einziges normales Wort mit ihr sprechen und sie riecht auch ständig nach Alkohol. Und am Abend wenn ich wieder nach Hause komme, geht sie durch die Stadt und kommt wieder in der Nacht nach Hause. Dann kann man sowieso nicht mit ihr reden, denn dann hat sie sowieso wieder Alkohol gehabt. Ich mache mir Sorgen um meine Mutter, ich kenne das Verhalten von ihr so nicht. Und ich möchte wieder die Mutter, die ich vorher gehabt habe. Eine Mutter, die für mich da ist und mit der man auch reden kann. Es macht mich traurig und wütend, wenn sie jeden Tag so viel trinkt. Ich nehme dann automatisch Abstand zu ihr. Ich will nichts mit ihr zu tun haben, wenn sie schon wieder zu viel getrunken hat.

Danke für deine Antwort

Santina

Frage gestellt zu: Liebe, Sex und Freunde

Grenzen setzen

Hallo Santina

Es ist ganz verständlich, dass du dich zu Hause nicht mehr wohl fühlst und dass du da aussteigen möchtest. Du lebst in der dauernden Angst, wie es deiner Mutter wohl geht und in welcher Verfassung du sie wieder antreffen wirst. Da ist die ständig quälende Angst ob sie wieder betrunken ist und aggressiv wird. Angst um eine Mutter, die du gerne wieder so hättest, wie du sie früher gerne gehabt hast.

Euer ganzes Familienleben hat sich schon um ihre Sucht organisiert und deine ganze Kraft steckt darin, das irgendwie auszuhalten. Und das braucht sehr viel Kraft. Und instinktiv bist du bereits daran, das Richtige für dich zu tun, wenn du schreibst, dass du in solchen Situationen automatisch Abstand zu deiner Mutter nimmst.

Jetzt ist es ganz wichtig, dass du deine Kraft wieder für dich verwenden kannst. Für die Schule, deine FreundInnen und auch deinen Spass am Leben.

Du kannst deine Mutter nicht davon abhalten, zu trinken. Es ist alleine ihre Entscheidung, ob sie weitertrinken will oder ob sie sich helfen lassen will, um aufzuhören.

Was du tun kannst, ist, ihr in einem nüchternen Moment mal sagen, dass du dir Sorgen um sie machst. Dass sie ganz anders ist wenn sie Alkohol getrunken hat. Dass sie dann sehr aggressiv und beleidigend ist. Und dass du sie gern hast - wenn sie nüchtern ist! Dass du möchtest, dass sie sich von einer Beratungsstelle helfen lässt.

Du kannst ihr auch sagen, dass du in Zukunft nicht mehr mitmachen willst. Und dass du nicht mehr mit ihr redest, wenn sie betrunken ist. Oder dass du dir, wenn es schlimm ist, eine andere Übernachtungsmöglichkeit suchst. Du kannst zu einer Freundin - oder möglicherweise auch zu deinem Vater gehen.

Für dich selber ist wichtig, dass du diese Sache dann auch knallhart durchziehst. Sonst bist du im gleichen Sucht-Kreisel von Versprechen, Nicht-Halten, Drohen und Enttäuschen so wie es deine Mutter vermutlich durchmacht.

Um da auszusteigen, ist es für die Angehörigen am hilfreichsten, wenn sie die 

Konsequenzen des Trinkens nicht mehr mittragen. Die muss der Alkoholiker selber spüren und auch lösen.

Setz deine Kraft wieder für dich ein. Damit es dir gut geht und du dich auf das konzentrieren kannst, was für dich wichtig ist. Dass du wieder Spass am Leben hast. Dann hast du auch die Kraft, um vielleicht auszuziehen und wirklich dein eigenes Leben zu leben. Vielleicht kann dir dein Vater dabei helfen, einen guten Ort zum Wohnen zu finden? Sonst gibt es ja auch noch die Jugendämter, die dir dabei helfen können.

Versuche, eine Grenze zu ziehen zwischen deinem Leben und dem deiner Mutter. Lass dich nicht noch tiefer hineinziehen. Sag "stopp". Das ist zwar einfach gesagt, doch es braucht Kraft es zu tun! Also: Kopfhoch! Und schreib wieder, wenn du noch mehr von uns wissen möchtest oder Hilfe brauchst.

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