auseinandergelebt

Ich habe ein sehr grosses Problem. Früher konnt ich es ignorieren und es war nicht weiter schlimm, ich dachte es würde irgendwann vorbeigehen, jedoch hab ich mit der Zeit immer mehr das Gefühl, dass es ewig so bleiben wird.

Es geht um mich und um meinen grossen Bruder.

Früher, als wir Kinder waren, haben wir uns immer gut verstanden, doch dann, seit ca. 5 Jahren haben wir uns total "auseinandergelebt". Viele wundern sich, wie anders wir sind, von der Denkweise, von der Lebenseinstellung, vom Verhalten her.

Ich bin sehr extrovertiert, mein Bruder sehr zurückhaltend. Manchmal können wir zusammen lachen, jedoch ist er extrem aggressiv.

Vorgestern haben wir uns so heftig gestritten, dass er mir einen Messer zugeworfen hat. Ich hatte ihn sehr übel beleidigt. Wir haben uns weiterhin gestritten, so sehr dass ich, meine Mutter und sogar (!) er heulen musste. Ich habe so etwas noch nie erlebt, es tat so weh, ihn so fertig zu sehen, in dem Wissen dass es an MIR liegt!

Wir sind so unterschiedlich, er wird extrem schnell aggressiv zu mir, weil ich ihn auch provoziere und ihm oft zeige dass ich seine Meinung teile.

Beim Streit vorgestern hat er voller Wut gesagt, dass er genau weiss, was ich von ihm halte, nämlich dass ich ihn für verklemmt, wütend, usw. halte. Und dass er eigentlich nichts gegen mich hätte, dass er es aber hasst, wie ich teilweise rede, wie ich mich verhalte usw.

Ich bin jetzt wieder völlig durcheinander, denn wir haben zwei kleine Brüder, mein ganz kleiner Bruder, der 8 Jahre alt ist, musste alles mitbekommen, wie wir beide unsere Mutter zum Heulen gebracht haben und wir er mir das Messer zugeworfen hat. Zum Glück ist jedoch nichts Schlimmes passiert.

Es hört sich alles dramatisch an, aber eigentlich würde man sowas nie vermuten, wenn man uns als Geschwister kennenlernt.

Jetzt gerade beim Abendessen hat mein Vater gesagt, dass er SEHR enttäuscht von uns zwei ist. Ich weiss, es liegt an mir, aber ich fühle mich sowas von schlecht deswegen!

Ich denke nicht, dass wir zu einer Bersatung gehen müssten, jedoch sind diese kleine, heftige Streiten wirklich nervig und kräftezerrend!

Was meint ihr?

Er ist 19 und ich 17.

Würde mich sehr auf eine Antwort freuen.

Herzliche Grüsse!

Frage gestellt zu: Liebe, Sex und Freunde

Sein oder tun

Hallo

Du beschreibst die Situation ganz treffend mit der Schlussfolgerung, dass die Streitereien nervig und kräftezehrend sind. Nicht nur für dich und deinen Bruder sondern auch für eure ganze Famillie. Und es erschreckt sie auch mit welcher Wucht ihr immer wieder aneinander geratet. Und was womöglich noch mehr irritiert, ist, dass euch das nur im vertrauten Rahmen der Familie geschieht. Und Aussenstehende würden euch so etwas gar nicht zutrauen. Dass sich Geschwister nicht immer einig sind, kommt häufig vor. Jeder möchte einzigartig sein in der Familie und sich von den anderen Geschwistern unterscheiden. So bilden sich unterschiedliche Charaktere und auch Standpunkte heraus. Diese Unterschiedlichkeiten müssen gelebt und vertreten werden. Und müssen auch eingeübt werden durch gegenseitige, provozierende Tests um zur eigenen Identität zu finden.

Was mir bei eurem Umgang auffällt, ist, dass es keine Spielregeln gibt. Regeln können schützen und kontrollieren den Ablauf. Wie bei einem Spiel, einem Match, wo um Punkte gerungen wird. Bei deiner Situation hab ich eher den Eindruck, dass es wie Krieg ist, wo es schliesslich nur noch Tote oder Überlebende gibt. Ich kann mir nicht vorstellen, dass ihr das zum eigentlichen Ziel habt, sondern dass es euch um Standpunkte und Vorteile geht. Dein Bruder ist dein Bruder und du bist du - und ihr seid nun mal nicht gleich und jeder sucht seine eigene Identität. Und jeder von euch Anspruch darauf so zu sein wie er/sie ist.

Nun kann es sein, dass dich sein Verhalten nervt. Dann kannst du ihm sagen, was dir daran nicht passt. Du kannst aber nicht erwarten, dass er das schlagartig und dir zu liebe alles ändert. Aber er weiss, was dir an seinem Tun nicht passt. Es macht einen entscheidenden Unterschied zu sagen, ob man jemanden grundsätzlich in seinem Wesen in Frage stellt, oder ob man zeigt, dass man mit ganz bestimmten Verhaltensweisen nicht einverstanden ist. Damit stellst du nämlich seine Existenz nicht in Frage, sondern orientierst dich an aktuell beobachtbaren Handlungen. Und darüber kann nun fair debattiert werden. Dazu gehören aber auch Rahmenbedingungen. Stellt Regeln auf wie fixe Redezeit, räumliche Platzierung, Zeichen für die Notbremse (Timeout) und einigt euch auf einen Schiedsrichter für brenzlige Momente. Einige wenige Regeln sollten ausreichen um das Ganze nicht zu komplizieren und verunmöglichen. Vielleicht plant ihr sogar mal für die nächste Woche fix eine Debattierstunde ein, wo es darum geht, dass ihr innerhalb einer festgelegten Zeit über eure ungleichen Machenschaften (und nicht über Wesenszüge) austauscht, mit der Abmachung, dass es keine Tätlichkeiten und keine Beschimpfungen gibt. Liebe Grüsse

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